Mittwoch, 14. Januar 2009

Die Glasmurmeln 5


Nun im Schutze der Dunkelheit, und zusätzlich abgeschirmt im Haus von Kamylla Dorn, nahm das unheimliche Wesen seine ursprüngliche Gestalt wieder an. Sich dankbar reckend betrachtete sie entzückt, wie aus der Gestalt Lydias nun die von Nogollgh wurde. Sie war den Körper Lydias so leid und nahm ihn nur widerwillig an. Doch wollte sie erfolgreich zum Ziel kommen, musste dieser Schritt sein. Wie sie nun da stand, den Körper mit Warzen und Flechten übersäht, spuckte sie erleichtert auf den Boden. Nogollghs Spucke hatte eine blaue Farbe, die sich jedoch auch bisweilen änderte, besonders, wenn sie gezwungen war, sich einen Tag lang von Blindschleichen und Käfern zu ernähren.


Das war zwar nicht üblich für eine Quox, aber sie wusste sich zu mäßigen. Auf ihren nackten, zehenlosen Füssen schlich sie nun hinaus, um zu jagen. Sie hatte Hunger. Ein Fuchs käme ihr da gerade recht. Sie liebte das rohe Fleisch dieses wendigen geschickten Jägers, und es bereitete ihr keine große Mühe eines davon auszuspüren und zu erlegen. Tollwütige Füchse waren eine Delikatesse für sie, deren Fleisch hatte eine ganz besondere Würze. Und heute sollte das Glück an ihrer Seite sein: Nogollgh witterte ganz in der Nähe eines dieser scheuen Tiere. Ihr Jagdtrieb war geweckt, ihre Instinkte auf das Höchste gespitzt.


Ein kurzes, sehr schnelles Treiben und schon hatte sie eine junge Füchsin erlegt, und machte sich gierig über ihr warmes, rohes Fleisch her. Zufrieden schmatzend ging sie leicht geduckt durch den Wald und genoss es, wieder in ihrem richtigen Körper zu sein. Bei der Hatz hatte sie ein paar Schrammen und blutige Kratzer abbekommen, die ihr aber nichts ausmachten. An Schmerz war sie gewöhnt, ebenso wie an die Einsamkeit. Morgen früh schon würde sie wieder in die Haut der lieblichen, wohlerzogenen Lydia schlüpfen. Und nur der Wille an ihr Ziel zu kommen, manipulierte sie soweit zu gehen, den für sie abstoßenden Körper dazu zu benutzen. Um an Toya heran zu kommen, war ihr dieses Mittel recht. Der Gedanke an das Mädchen machte Nogollgh so fiebrig, wie sie schon lange nichts mehr dergleichen hatte spüren können. Bereits vor sehr langer Zeit schon hatte sie die zunächst noch weit entfernte Gegenwart Toyas spüren können. Sie lebte damals zurückgezogen in einer Höhle auf einem Berg. Hierher verirrte sich nur ab und zu mal einer, der von den Menschen als Blitzer bezeichnet wurde. Doch sie nahmen keinerlei Notiz von ihr, was Nogollgh einerseits beruhigte, andererseits jedoch auch wütend machte. Dieses arrogante Volk, hatte weder Angst vor ihr, noch kam ihnen in den Sinn, sie auch nur ansatzweise zu beachten. Blitzer waren von Natur aus Wesen, die man nicht überrumpeln konnte, das wusste sie. Sie hatten diese Vorahnungen, die wie ein Frühwarnsystem jegliche Gefahr schon lange im Voraus ankündigte.


Sie waren ihr noch mehr zuwider, als diese Menschen, denn Blitzer waren allesamt schöne, leuchtende Wesen, die sich stets tapfer und stark verhielten. Nogollgh ekelte es! Das Signal, das sie jedoch von Toya empfing, war fast noch mächtiger. Erst ganz leicht, wie ein Hauch, hatte sie die weit entfernte Anwesenheit des Mädchens wahrgenommen. Sie versuchte es zu ignorieren, sich zu beschäftigen, doch all ihre Mühe war vergebens - sie musste der Witterung folgen, so war es bestimmt. Und so machte sich Nogollgh auf, der Spur des Mädchens zu folgen. Ja, es war weit weg, aber nicht unerreichbar für sie. Toya war der Sender, und sie war der Empfänger. Es dauerte fast zehn Monate, bis sie sich einer Stadt so weit genähert hatte, um sicher zu sein, das das Kind hier lebte. Weitere sechs Monate hatte es gedauert, einen Plan auszuhecken, um in ihre Nähe gelangen zu können. Über ein weiteres Jahr lang, spionierte sie die Gewohnheiten Toyas geduldig aus. Wo sie lebte, sich aufhielt, mit wem sie zu tun hatte und so weiter. Einmal sogar war sie fast Lucious begegnet, konnte sich aber rechtzeitig zurückziehen, denn sie wollte nicht Gefahr laufen, dieses Tier aus reiner Gewohnheit heraus zu töten. Kurzum, sie kannte nach einem Jahr so viele Details, das sie mit der Umsetzung ihres Planes beginnen konnte. Doch nun galt es, diese Frau und ihr Kind in Oswidge unschädlich zu machen. Nogollgh nutzte einen günstigen Augenblick und vergiftete Ella und Lydia Dorn im Schlaf. Abwechselnd deren Gestalten annehmend, machte sie sich nun daran ihren Plan zu vervollkommnen. Sie musste vorsichtig sein und mit ihren Kräften haushalten, denn es schwächte sie enorm, diese Gestaltwechsel. Nun hatte sie nur noch Kamylla Dorn zu beseitigen, denn es stand außer Frage, das sie auf Dauer in Lydias Körper nicht bei der alten Frau leben konnte, ohne aufzufallen. Außerdem mochte sie es nicht, sich eine Behausung mit jemandem zu teilen. Und schon gleich gar nicht mit einem Menschen!


Kamylla Dorn starb recht unspektakulär in Nogollghs Augen. Eines Tages, als diese am nahegelegenen Bach ihre Wäsche wusch, schlich sie sich an die betagte Frau und legte einen Skorpion in den Korb. Ein Griff hinein, ein Stich des abwehrenden Tieres, und die Alte war verloren. Vergnügt sah sie ihr beim Sterben zu, und verscharrte sie nur wenig später im Wald, ganz in der Nähe ihres Hauses. All das war Genugtuung für sie, denn schließlich überwandt sie ja auch ihren Ekel vor den Menschen. Nun konnte sie ungehindert als Lydia im Haus von Kamylla Dorn leben. Und für den doch recht unwahrscheinlichen Fall, das ein Besucher sich näherte, konnte sie zur Not auch wieder die Gestalt der Alten annehmen, dafür hatte sie vorsorglich eine Haarsträhne aufgehoben. Genauso hatte sie es ja mit Ella und deren Tochter bereits gemacht. Wenn sie nur die Gestalt einer einzelnen Person annahm, bekam es ihr wesentlich besser, als diese kräftezehrenden, doch notwendigen Wechsel in mehrere Personen. Nogollgh machte sich nun wieder auf den Weg zurück in ihre neue Behausung. Dort galt es noch einige Veränderungen vorzunehmen, damit sie sich halbwegs wohlfühlen konnte ohne jedoch aufzufallen. Das Haus von Kamylla war klein, aber in überaus gutem, gepflegtem Zustand. Widerlich. Kein Geruch von Aas, oder gar schimmeligem, verdorbenem Wasser.


Im Haus angekommen, machte sie sich gleich daran, es für sich wohnlich zu machen, und zischte dabei immer wieder in ihrer Sprache, wie geschickt sie es doch alles angestellt hatte. Nogollgh war begeistert, ihre Laune auf dem Höhepunkt, und sie sabberte vor Lust bläuliche Pfützen. Der Triumph war nun fast zum Greifen nah, bald schon würde sie Toya mit Hilfe von Lydia so umgarnt haben, dass diese ihr das Geheimnis der Glasmurmeln verriet.

Sie frohlockte bei dem Gedanken daran, wie leicht es gewesen war, das Säckchen mit den Murmeln in ihr Zimmer zu schmuggeln. Und dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Fluch, der sie schon seit fast zweihundert Jahren plagte, von ihr abfallen würde. Auferlegt wurde er ihr von einer der Hexen von Dollmay, Sybyl, die noch über ihren Tod hinaus, über Nogollgh verächtlich zu lachen schien. Sie war damals noch eine recht junge und unerfahrene Quox gewesen. Sicher, sie war aufgefallen durch ihren Listenreichtum, aber auch durch ihre Überheblichkeit.


Nogollgh war überaus eitel und machtgierig, und zu diesem Zeitpunkt noch keine Einzelgängerin. Quoxe lebten immer in Gruppen von circa zwanzig beisammen. Sie lebten davon, dem meistbietenden ihre gestaltwandlerische Fähigkeit zu verkaufen. Sei es, um Kriege zu gewinnen, der Frau eines Feindes ein Kuckucksei ins Nest zu legen oder sich anders auf diese Weise einen Vorteil verschaffen zu können. Doch eines Tages kam es, dass sie der Leichtsinn packte, und sie versuchte Sybyl, dem damaligen Oberhaupt der Hexen von Dollmay, zu betrügen. Ein fataler Fehler, der dazu geführt hatte, das Nogollgh nun schon viele Jahre abgeschieden, seelisch verkrüppelt auf ihre Erlösung wartete. Um diesen Fluch zu brechen, musste sie sich nun schon so viele Jahre quälen. Sybyl war bekannt für ihre grausamen und harten Strafen, die sie an denen exerzierte, die versuchten, sie zu betrügen.


Und so belegte sie Nogollgh mit diesem Fluch, der Anfangs unergründlich schien. Nun jedoch war ein Ende in Sicht, das spürte Nogollgh, und legte sich zufrieden zum Schlafen auf den Steinboden der alten Dorn. Kurze Zeit später schon zuckten ihre dünnen, behaarten Beine im Schlaf.


Der Morgen kam, und Toya stieg fröhlich aus dem Bett und stürmte nach der üblichen Katzenwäsche nach unten, um Onkel Paul zu begrüßen. Dieser saß in seinem Arbeitszimmer und las in Unterlagen. Schon heute Abend würden einige Mitglieder des Ministeriums eintreffen, um die neue Lage im Fall der verschwundenen Kinder zu besprechen. Toya fiel dem Onkel in die Arme und setzte sich leicht auf dessen Schoß.

Behutsam nahm Moldron das Mädchen, und setzte sie lächelnd auf den Stuhl neben sich. Das Mädchen war ihm sehr ans Herz gewachsen in den letzten Jahren, und auch, wenn er sie oft tadelte, so war er insgeheim mächtig stolz über den Willen und das gute Herz Toyas. Lucious wollte es Toya gleichtun und machte einen eleganten Satz auf Pauls Schreibtisch, wurde jedoch energisch von ihm auf den Boden hinab befördert, indem er mit einer unwirschen Handbewegung drohte. Er duldete den Kater nur, weil er ihn als Begleiter seiner Nichte betrachtete. Für ihn war es nicht normal, ein Haustier zu halten. Doch aus irgendeinem Grund hatten der Kater und seine Nichte zusammen gefunden, und damit war es auch für Paul in Ordnung. Er stand auf und ging zu seinem Schrank. Aus ihm holte er ein kleines Päckchen, das für Toya bestimmt war. Enthalten waren eine Wünschelrute, ein goldener Ring und eine Stola aus dem weichsten Fell, das Toya jemals in Händen hatte. Überglücklich über die, wie sie dachte weiteren Geschenke, strahlte sie ihren Onkel an, und bedankte sich mit stürmischen Küssen in sein Gesicht.


Paul vergaß für einen kurzen Moment seinen Ärger über das nicht Voranschreiten seiner Suche und schickte sie lächelnd auf ihr Zimmer, damit sie sich anzog, um daraufhin mit ihm und Anabelle gemeinsam zu frühstücken. Danach wurde es für Toya auch schon Zeit, ihren Unterricht zu nehmen, und vergnügt trottete sie nach oben, um ihre Schulsachen zu holen. Nur wenig später war sie auch schon am angrenzenden Gebäude angelangt. Mr. Jermain öffnete ihr die Tür und folgte ihr in den Unterrichtsraum, indem eine saubere, wohlduftende und ebenso gut frisierte Lydia schon auf Toya wartete. Toya grinste das Mädchen entschuldigend an, und gab ihr die Hand. Was von Toya nicht nur als Begrüßung, sondern auch als eine gewisse Art Entschuldigung gemeint war, wurde milde Lächelnd von dem Mädchen angenommen. Toya setzte sich auf den Platz neben Lydia und der Unterricht begann...

Die Glasmurmeln 4


Die Glasmurmeln
Toya rannte was das Zeug hielt. Nur weg hier! Erst einmal musste sie wieder innerlich abkühlen. Wie war das möglich, dass sie sich so hatte vorführen lassen können? Nach ein paar Minuten verfiel sie in langsames Traben. Dann wurden die Schritte noch ein wenig langsamer, bis sie schließlich ein Schlendern wurden. Ihr Gangbild war auch ein Zeichen dafür, dass es ihr gelingen wollte, ruhiger zu werden. Immer noch mit ihrem Schicksal hadernd, machte sie sich nun dennoch auf, nach Hause zu gehen. Mrs. Dyane wartete sicherlich schon mit dem Essen auf sie. Und richtig - bereits im großen Flur des Hauses roch es herrlich nach Essen. Rasch begrüßte sie Lucious. Der Kater saß wie immer wartend auf der Kommode im Flur.


Wann immer er konnte, begleitete er Toya, doch zum Unterricht musste er zu Hause bleiben. Den Kater schmusend, merkte sie, wie ihre Laune sich langsam etwas hob. Rasch rannte sie ins Esszimmer, Lucious hinterher. Gerade als sie sich über den Teller mit leckerem Lamm, Kartoffeln und verschiedenem Gemüse hermachen wollte, kam Mrs.Dyane zur Türe hinein, einen großen Krug mit köstlich gekühltem Wasser tragend. Anhand ihres strengen Blickes mit hochgezogenen Augenbrauen konnte Toya fast sofort erkennen, was falsch war: sie hatte vergessen, sich die Finger zu waschen. Ertappt sprang sie leichtfüßig auf, warf dabei aber versehentlich ihre Gabel hinunter, die sich durch den Schwung im Ärmel ihres Kleides verfangen hatte.


Toya hob sie auf, stieß sich beim Hochkommen jedoch ihren Kopf am Tisch, und jaulte auf. Die schmerzende Stelle reibend, und sich deprimiert fragend, wann ihre Pechsträhne wohl endete, trottete sie in Richtung Badezimmer. Eilig wusch sie ihre Hände, um sich anschließend mit großem Hunger über ihre Mahlzeit her zu machen. Mrs. Dyane leistete ihr, wie so oft, dabei Gesellschaft. In erster Linie wohl sicher, um sich davon zu überzeugen, das sie mit ordentlichen Tischmanieren as. Und zum anderen, weil Mrs.Dyane hatte feststellen können, das, wenn sie mit Toya zusammen aß, es dem Kind besser zu schmecken schien.


In Mrs. Dyanes Augen war das Mädchen eh viel zu dünn. Und da sie wusste, das Mr. Moldron großen Wert auf das Wohlergehen seiner Nichte legte, und eine fortschreitende Verrohung Toyas nicht als gute Arbeit ihrerseits ansehen würde, nahm sie sich die Zeit. Mrs. Dyane war eine schlanke Frau mittleren Alters, mit langem braunen Haar und einem gepflegten, einfachen, aber nicht hässlichen Äußeren. Sie war nicht verheiratet, und hatte auch noch keinerlei Ambitionen, diesen Schritt zu wagen. In der Stadt gab es ein paar Männer, die ein Auge auf sie geworfen hatte, aber das ließ sie unbeeindruckt. Sie ging völlig auf in ihrer Arbeit.
Toya allerdings hatte den Eindruck, dass sie große Schwäche für Mr. Klonsdale, dem älteren Lehrer Toyas, hatte.


Toya vermutete dies, denn es war ihr aufgefallen, wie milde ja fast schon überschwänglich Mr. Dyane mit ihr wurde, wenn der Privatlehrer in ihrer Nähe war. Und sie errötete, wenn sie sich die Hand zum Gruß gaben, was Toya zum schießen komisch fand. Mr. Dyane mochte Toya sehr - das stand außer Frage. Ja, sie hatte sogar fast mütterliche Gefühle entwickelt.


War sie doch nun schon seit gut vier Jahren im Hause Moldron für Toya als eine Art Gouvernante tätig. Aber sie war auch sehr gewissenhaft, wenn es darum ging, dem Kind gute Manieren und ebensolche Umgangsformen beizubringen. Und das nicht nur, weil es Mr. Moldron von ihr verlangte. Sie hatte damals in der Stadt davon gehört, dass Paul Moldron seine Nichte nach dem Tod der Eltern zu sich genommen hatte, und nun eine Bedienstete suchte, die sich in seiner Abwesenheit um das Mädchen kümmerte. Er selber hatte weder Frau noch Kind, denn er hatte sich ganz der Wissenschaft gewidmet und keine Zeit für Zwischenmenschliches dieser Art. Es schien auch, als würde er nichts wirklich vermissen. Seine Arbeit war sein Ein und Alles und ermöglichte ihm ein Leben im Luxus.

Das Einstellen einer Kinderbetreuerin war ein Leichtes für ihn. Und so lies er in der Stadt verbreiten, gedachte, jemandem zu diesem Zwecke einzustellen. Und der Zufall wollte es, das Anabelle Dyane davon erfuhr. Sie war die erste Bewerberin gewesen, und nach einem langen, ernsthaften Gespräch, schickte er alle anderen Wartenden fort, denn sie waren sich sofort einig geworden, und Paul gefiel die schlichte, ehrliche Art der Frau. Das war, wie schon erwähnt, vor gut vier Jahren gewesen. Und bisher hatten sowohl Paul als auch Anabelle diese Entscheidung nicht einen Tag bereut. Anfangs taten sich Anabelle und Toya schwer, sich aneinander zu gewöhnen. Toya war durch die Tragödie um ihre Eltern verstört und verbittert gleichermaßen. Ein Zugang zu ihr wollte sich nur mit Geduld und liebevoller Zuwendung ermöglichen lassen, die zu geben Anabelle nicht schwer fiel. Es dauerte ein halbes Jahr, bis Toya Mrs. Dyane akzeptierte, und sich auf eine Bindung mit ihr einließ.

Seit circa einem Jahr jedoch musste sie das Mädchen wesentlich strenger angehen, als bisher gewohnt. Toya wurde immer wilder seit dem sie die Anführerin der Stadtkinder war. Zudem kam noch, dass sie sich nun langsam aber sicher zu einer Frau entwickeln würde - wenn auch nur zögerlich. Heute sah Mr. Dyane Toya bereits vor dem Essen an, das ihr etwas auf der Seele lag. Sie zog es aber vor, das Mädchen erst nach dem Essen darauf anzusprechen. Stattdessen versuchte sie während des Essens ein zwangloses, erfreulicheres Gespräch mit Toya zu führen. Sie sah jedoch die Gewitterwolken im Gesicht des Kindes, die sich beim besten Willen nicht vertreiben lassen wollten.


Kurze Zeit später aber, sie waren gerade fertig mit Essen, meldete sich Besuch an: Es waren die Lehrer von Toya, die noch einmal mit ihr und Mr.Dyane sprechen wollten. Beim Anblick Klonsdales bekam Anabelle Dyane wieder das neuerdings für sie typische rote Gesicht, doch heute war Toya nicht mehr zum Lachen zumute. Klonsdale, der ältere der beiden Männer, erklärte Toya nun, was es mit dem Erscheinen Lydias auf sich hatte. Lydias Mutter, Ella Dorn, war eine der wenigen Frauen, die für das Ministerium von Oswidge, der benachbarten Stadt von Lashtora, gearbeitet hatte. Doch nun war Ella tot, und die einzige noch lebende Verwandte Lydias war Kamylla Dorn, die es vorzog am Rand der Stadt und sehr zurückgezogen zu leben. Zu ihr war Lydia nun gebracht worden. Da sowohl im Internat als auch in der städtischen Schule für Lydia kein Platz mehr war, hatte sich Paul kurzerhand entschlossen, Lydia die Möglichkeit zu geben, am Privatunterricht Toyas teilzunehmen. Nicht zuletzt, weil er sich davon erhoffte, das etwas von Lydias Benehmen auf Toya abfärben würde. Als Toya hörte, dass sie sich mit Lydia ein Schicksal zu teilen schien, schämte sie sich wegen ihres Benehmens. Wortlos, auf ihre Schuhe blickend lauschte sie den leisen, ernsten Worten des Lehrers. Innerlich nahm sie sich vor, Lydia eine Chance zu geben. Gleich morgen würde sie ihr zeigen, dass sie sehr wohl im Stande war, sich normal und ebenso freundlich zu verhalten!

Mr. Jermain, der die ganze Zeit über schweigend an Klonsdales Seite saß, musterte das Mädchen interessiert. Schon lange hatte er Toya in sein Herz geschlossen, und vielleicht sogar mehr, als ihm lieb war....
Nach dem Gespräch ging Toya in ihr Zimmer. Die Erwachsenen waren noch unten und sprachen. Eilig verstaute sie ihre Schulsachen im Schrank, zog sich um, und gemeinsam machten sich Kater und Mädchen nun auf den Weg zum Geheimversteck ihrer Bande. Das Aushecken neuer Abenteuer oder gar Kämpfe war für Toya eine willkommene Ablenkung. Dort angekommen sah sie als erstes Tobey und Malcolm, Gordons jüngeren Bruder. Und kurze Zeit später, die anderen drei hatten gerade überlegt, was sie heute anstellen mochten, kamen noch vier weitere Kinder dazu. Nach kurzer gemeinsamer Überlegung wurde beschlossen mal wieder "Blitzer gegen Städter" zu spielen. Alle außer Tobey waren begeistert von der Idee.


Tobeys Vorschlag, doch lieber "lautlose Kinderdiebe" zu spielen, fand keinerlei Begeisterung bei den Kindern. Zu oft hatten sie in der letzten Zeit dieses Spiel gespielt, es war langweilig geworden. Toya wusste um die Abneigung Tobeys "Blitzer und Städter" zu spielen, und hatte sich aus der Abstimmung rausgehalten. Tobey zuliebe. Doch die Regeln der Bande waren eindeutig festgelegt: die Mehrheit bestimmte, was gespielt wurde. Tobey fügte sich der Mehrheit und das Spiel begann. Rasch wurden zwei Gruppen bestimmt, und nur hier nahmen die Kinder Rücksicht auf Tobey, der sich weigerte in die Gruppe der Blitzer zu kommen. Er mochte kein Blitzer sein, wegen des Gerüchtes um seine Herkunft.


Der Nachmittag verging wie im Fluge, und bald schon war es Zeit nach Hause zu gehen. Niemand verlor ein Wort über die verschwunden Kinder. Die Gruppe trennte sich, und jeder ging seiner Wege. Toya und Tobey gingen zusammen mit Lucious und Drago noch ein Stück gemeinsam. Unterwegs trafen sie auf Mrs. Bellingham. Sie ging mit hängenden Schultern an ihnen vorbei. Sie tat Toya unendlich leid, und sie fragte sich, ob die sonst so starke Frau nicht zerbrechen würde an dem Schmerz über ihren entführten Sohn. Im Vorbeigehen grüssten beide Kinder die Frau, und machten, dass sie weiter kamen. Tobey war es, der nun auf die verschundenen Kinder zu sprechen kam. Er fragte, wie viel Kinder wohl noch verschwinden würden. Marcus Bellingham war ein Mitglied ihrer Bande gewesen, und als die Nachricht sich verbreitet hatte, dass er auch fort war, waren alle Bandenmitglieder geschockt, das es einen der ihren getroffen hatte. Toya versuchte zuversichtlich zu antworten, denn es war ja ihr Onkel, der die Entführer zu finden versuchte. Tobey sagte, wenn er nur ein paar Jahre älter war, würde er sich ihrem Onkel anschließen und auch nach den Kindern suchen. Er blickte dabei so grimmig und entschlossen, das Toya ihm sofort glaubte. Sie strahlte ihn an. Mut und Entschlossenheit waren Züge, die Toya an Tobey besonders liebte. Sie blieb stehen, sah ihn an und sagte, sie würde ohne zu zögern mitkommen. Gemeinsam würde es ihnen sicher gelingen die Kinder zu finden und zurück zu bringen. Tobey blieb auch stehen, legte kurz eine Hand auf ihre Schulter und grinste seine Freundin an. Nichts anderes hatte er von ihr erwartet. Sie gingen schweigend weiter und schon kurze Zeit später kamen sie an die Gabelung der Strasse, an denen sich ihr Weg trennte. Tobey sagte leichthin, er würde noch ein kleines Stück mit ihr gehen, er habe noch keine Lust nach Hause zu gehen. Insgeheim jedoch wollte er nur sicher gehen, das Toya nichts auf den Strassen von Lashtora passierte.


Doch wäre er so leichtsinnig gewesen, ihr das so mitzuteilen, hätte er sich auf etwas gefasst machen können. Denn wenn Toya eines hasste, dann war es, wenn man sie für schwach oder gar hilflos hielt. Toya hingegen freute sich insgeheim, tat jedoch so, als wäre es ihr egal. Also brachte Tobey sie nach Hause. Am Haus angekommen verabschiedeten sich die Freunde und Tobey lief nun rasch zurück. Es dämmerte bereits sehr, und wenn er keinen Ärger bekommen wollte, musste er sich sputen. Als Toya in ihrem Zimmer war, nahm sie ihr Nachthemd heraus und legte es auf ihr Bett. Eilig wusch sie Hände und Gesicht und ging nach unten, um mit Mrs. Dyane zu Abend zu essen. Da sie mittags keine Gelegenheit gehabt hatten zu sprechen, fragte Mrs. Dyane sie nun, warum Toya so schlecht gelaunt gewesen war.

Toya gab ausflüchtende Antworten und wollte ihr um keinen Preis sagen, warum sie so wütend war. Denn mittlerweile schämte sie sich wegen ihres Benehmens und Mrs. Dyane bohrte gottlob nicht weiter nach. Sie sagte statt dessen, das ihr Onkel schon zurück sei. Er wäre vor einer guten Stunde angekommen, musste aber noch ins Ministerium zu Mr. Daniels und käme erst spät zurück. Toyas Freude über die verfrühte Ankunft ihres Onkels war enorm. Sie wollte heimlich versuchen aufzubleiben, und die Rückkehr Onkel Pauls abwarten. Sie ging auf ihr Zimmer, nahm ihr Nachthemd vom Bett und dabei fiel ein kleines Säckchen polternd zu Boden. Toya erschrak. Sie bückte sich und im Schein der Lampe neben ihrem Bett hob sie das kleine Stoffsäckchen auf. Ein Geschenk von Onkel Paul! Toya war begeistert.


Onkel Paul brachte ihr fast jedes Mal etwas mit. Nur hatte sie noch nicht so früh damit gerechnet, denn meist gab er ihr die Geschenke persönlich.Lucious kam und streifte ihr neugierig maunzend um die Knie. Das Säckchen hatte einen von außen nicht zu ertastenden Inhalt. Hastig öffnete Toya es und schüttete den Inhalt ungeduldig auf ihr Bett. Heraus kullerten wunderschöne Murmeln aus dem feinsten, klarsten Glas, das Toya jemals gesehen hatte. Ein paar von ihnen hatten im Inneren farbige Katzenaugen, ein paar waren glasklar. Wunderschön! Toya packte sie rasch wieder in den Beutel und legte sich glücklich in ihr Bett. Mrs. Dyane würde es nicht gerne sehen, wenn sie ihren Anweisungen, zu Bett zu gehen, nicht folgen würde. Und obwohl sie sich so fest vornahm wach zu bleiben, fielen ihr langsam die Augen zu und sie sank in einen Schlaf, der sie bis morgen früh gefangen halten sollte. Und er schenkte ihr einen Traum. Sie träumte davon, wie sie sich zusammen mit Tobey auf die Suche nach den verschwundenen Kindern machte.


Etwa zur gleichen Zeit, am Rand von Lashtora, saß Lydia im Haus von Kamylla Dorn. Es ekelte sie. Überall hier im Haus war der widerliche Geruch dieser Frau. Der würde jedoch bald auch verschwunden sein, ebenso, wie ihre Verursacherin, dachte Lydia. Sie konnte nun im Schutze der Dunkelheit ihre wahre Gestalt annehmen. Hierher würde es dank der Ausgangssperre heute keine Seele mehr verschlagen. Und falls doch, wehe ihr... Und während sie ihre Gestalt änderte, dachte sie daran, wie geschickt sie doch heute begonnen hatte, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Und bei der Vorstellung darüber, das Toya nun langsam aber sicher zu ihrem Spielzeug wurde, lachte sie laut und grässlich....

Die Glasmurmeln 3


Die Glasmurmeln Seine Eltern empfingen den Jungen freudig und fragten, was er noch alles angestellt habe. Tobey erzählte natürlich nichts von dem, was ihm passiert war. Auch, wenn es kein gravierendes Vorkommnis gab, so war Tobey doch gerne geheimnisvoll. Und so zuckte er die Schultern und grinste nur etwas schief. Niemals erzählte er seinen Eltern sofort, wenn ihm etwas Bemerkenswertes passiert war. Es dauerte stets ein paar Tage, bis er so ganz nebenbei entweder Vater oder Mutter von den "normalen" Erlebnissen erzählte. Von den Streichen zu erzählen jedoch war enorm unwahrscheinlich - das war Ehrensache.


Tobias und Lillith kannten diesen Zug ihres Sohnes schon und hatten sich großteils das Fragen schon abgewöhnt. Doch in Zeiten wie diesen war diese Frage eine Geste der Erleichterung. Während Tobey Drago sein Futter gab, setzten sich seine Eltern bereits an den gedeckten Tisch und tauschten lächelnd erleichterte Blicke aus. Nun würden sie gemeinsam zu Abend essen. Ihrem Sohn ging es gut. Sie wussten, sie konnten den Jungen nicht im Hause einschließen, hatten jedoch ein banges Herz wegen der mittlerweile nun schon vierzehn verschwundenen Kinder. Vierzehn Kinder aus vierzehn Familien, die nun allesamt aus Sorge zu verzweifeln drohten. Sicher, es gab täglich Nachrichten aus dem Ministerium. Doch noch nicht eines der Kinder war gefunden worden Paul Moldron war unermüdlich in seinem Suchen nach ihnen, hatte aber bisher keinen echten Erfolg zu melden. Immer wieder drangen neue Gerüchte um die "lautlosen Kinderdiebe" an ihre Ohren.


Und manchmal ging es sogar schon soweit, das Mütter versuchten ihre Kinder bei Ungehorsam damit zu drohen, und sagten, wer ungezogen war, den holten die "Lautlosen". Es gab auch viele Spekulationen darum, um wen es sich bei den ruchlosen Entführern handeln konnte. Es seien schreckliche, grausame Barbaren, die Kinder jagten um sie in Gruben arbeiten zu lassen, in denen sie selber keinen Platz hatten, damit sie an die wertvollen Steine kamen, denen man nachsagte, sie duften wie Jahrtausend alte Tränen.


Wenn der Besitzer eines dieser Steine einen von ihnen in einer Nacht ohne Sterne in ein Feuer warf, so vermochte der Stein ihm einmalig zeigen, ob und welche gefahr ihm drohte. Oder es seien die Hexen von Dollmay, verbannte Frauen aus vielen umliegenden Städten mit Zauberkräften, hätten sich der Kinder bemächtigt um sie als Nachwuchs zu schulen und in ihre geheimen Kräfte einzuweihen. Laut durfte jedoch nicht über diese Gerüchte gesprochen werden - das Ministerium sah dies gar nicht gerne. Doch all diese Spekulationen und Gerüchte konnte Mr.Daniels, der Kopf des Ministeriums, nicht verhindern. Daniels, ein älterer ernst dreinblickender Mann von großer schlanker Statur und grauen Haaren, war besorgt wegen der Vorkommnisse in Lashtora. Täglich sandte er Boten aus, um den Stand der Ermittlungen zu erfahren. Bangar, Daniels rechte Hand, sah ebenso besorgt drein, doch wenn er sich unbeobachtet fühlte, konnte man die spöttischen Züge um seinen Mund nur zu deutlich sehen. Es war kein Geheimnis, das Bangar nur darauf wartete, das Daniels endlich abdankte, um ihm den Posten zu überlassen. Schließlich hatte er lange genug im Schatten seines Mentors gestanden. Er war es leid, nur die zweite Geige zu spielen.


Langsam aber sicher hatte Bangar sich mit Hilfe von Horatio und Wembel eine Position erschlichen, die drohte Daniels vom Stuhl zu kippen. Doch bislang hatte dieser sich souverän halten können. Dem Volk war es lieb so, gehörte Bangar doch beileibe nicht zu den beliebten Männern des Ministeriums. Sie sahen ihn als das, was er war: machthungrig, skrupellos und eiskalt. Mit ihm als Spitze des Ministeriums würde ein böser kalter Wind um die Häuser ihrer Stadt wehen, soviel war sicher. Doch wurden auch leise Zweifel an dem Erfolg der von Daniels ins Leben gerufenen Suche langsam hörbar. Und Bangar wusste dies zu seinem Vorteil zu nutzen. Er war bereit jede Intrige zu schüren, solange sie dazu diente, Daniels Unfähigkeit zu verdeutlichen. Das wiederum brachte Daniels in Zugzwang, und diesen Druck gab er an Paul Moldron weiter. Das alles war Toya bekannt, wenn auch nicht bis in jedes Detail. Aber ihre Sinne waren fein genug, um das, was sie nicht genau wusste, instinktiv zu spüren. Und außerdem verfügte sie durch ihre ständigen Lauschattacken über genug Informationen. Als sie nun dort oben auf dem Dach bäuchlings lag, und Tobey nachsah, wie er zu seinen Eltern heimging, beschlich sie eine leise Wehmut.


Ihre Eltern waren vor vier Jahren gestorben, und langsam begann die Erinnerung an sie zu bröckeln. Nur mühsam wollte es ihr gelingen, sich an den Duft der Haare ihrer Mutter zu erinnern, oder das warme, kehlige Lachen ihres Vaters. Ihre ohnehin schlechte Laune nahm unweigerlich zu. Der heutige Tag war ganz entschieden nicht ihrer gewesen. Nur noch der Rest von heute und den ganzen morgigen Tag, dann würde Onkel Paul wieder zurück sein. Doch für wie lange blieb er dieses mal? Sicher, es war auch in Paul Moldrons Abwesenheit gut für die Kleine gesorgt. Nur, mit ihm in ihrer Nähe hatte sie wenigstens ein bisschen das Gefühl familiärer Nähe. Toya fröstelte und rappelte sich langsam auf. Sie würde nun auch nach Hause gehen. Die Nacht brach langsam herein und eine nichtssagende Stille überflutete die Stadt. Eine Stille, die gut war. Eine Stille, die unheilvoll war.


Und so kam die Nacht über Lashtora. Sie brachte die Müdigkeit, den Schlaf und die Träume. Toya, die eben in ihr Bett fiel, nachdem sie sich ausgezogen und flüchtig gewaschen hatte, fiel in einen tiefen Traum. Es war der Traum, den sie oft hatte. In diesem Traum war sie stark, also noch stärker. Und sie konnte fliegen, was sie, wenn sie morgens aufwachte immer wieder von Neuem entzückte. Wenn sie doch nur einmal so über die Dächer von Lashtora fliegen könnte, wie sie es im Traum tat! Tobey träumte nichts, seine Sinne brauchten die Nacht, um sich von der Präsenz, die sie am Tage hatten, zu erholen. Ein Zustand, den er oft hatte und auch ebenso häufig bedauerte. Denn wenn er mal ausnahmsweise etwas träumte, war er ein tapferer Held, der überragend schnell, ausdauernd und auch stark war.


Das gefiel dem jungen Burschen sehr! In der ganzen restlichen Stadt wurde auch geschlafen. Bis auf einige Menschen, die der Kummer so sehr plagte, das sie dem Schlaf trotzten. Und so gab es auch Tränen in dieser Nacht in Lashtora. Der nächste Morgen kam und mit ihm eine erneute Chance für Toya zu zeigen, das sie sehr wohl in der Lage war, Gelerntes anzuwenden. Sie überraschte den Lehrer mit zwar eigensinnigen aber intelligenten Lösungswegen in Mathematik. Mr. Klonsdale fragte sie das gestern Gelehrte in Geographie ab, und dabei kam sie ins Straucheln. Es dauerte nicht lange, und der Zorn nahm in Toya wieder das Zepter in die Hand. In der dritten Stunde kam Mr. Jermain. Und zu Toyas Erstaunen brachte er noch jemanden mit. Ein Mädchen kaum zwei Jahre älter als Toya war. Sehr elegant, ordentlich frisiert und ohne Schmutz unter den Nägeln.


Ihre stahlblauen Augen fixierten die grünen Toyas und freundlich und mit einer sanften Stimme reichte sie Toya die Hand und stellte sich als Lydia vor. Überrascht und fasziniert aufgrund der Eleganz dieses Mädchens brachte Toya in diesem Moment auch nicht die kleinste vorlaute Erwiderung fertig, sondern reichte ihr ebenso die Hand. Sie schämte sich angesichts dessen, dass sie nicht so elegant war, und ihre rechte Hand übersäht war von Tintenspritzern. Mr.Jermain teilte Toya mit seinem stets gleichbleibend freundlichen Lächeln mit, das Lydia von nun an den Unterricht mit ihr teilen würde. Ihr Onkel hatte diesen Weg gewählt, in der Hoffnung, dass Toya Lydia ein wenig nacheifern würde. Dann forderte er Lydia auf, sich auf den Stuhl neben Toya zu setzen.


Schamesröte überzog Toyas Gesicht. Wie konnten sie es wagen? Trotzig kreuzte sie die Arme vor der Brust und zog es vor, den Rest des Unterrichts nichts mehr zu sagen - es sei denn, sie wurde gefragt. Lydia hingegen war auch weiterhin die Anmut und Charmanz in Person - zum kotzen! Noch deutlicher konnte man es Klonsdale und Jermain nicht ansehen, das sie begeistert waren von ihr. Lydia war eine gute Schülerin, nicht überdurchschnittlich, aber anhand ihrer klaren, deutlichen Aussprache merkte man, dass sie viel las - so jedenfalls lobte Klonsdale. Toyas Laune, von der sie dachte, das sie nicht noch tiefer sinken könnte hatte den Gefrierpunkt erreicht. Das etwa tausendste ihrer Gebete wurde endlich erhört, und der Unterricht war beendet. Eilig nahm sie ihre Unterlagen und verlies wortlos und strammen Schrittes den Unterrichtsraum. Tränen der Wut schossen ihr in die Augen, nun da sie sich alleine wähnte. Wie konnte Onkel Paul ihr nur so etwas antun?


Und, woher kam dieses saubere Mädchen? Was zum Henker hatte sie in ihrem Privatunterricht verloren? Schnaubend vor Wut hatte Toya nicht bemerkt, das Lydia sich die größte Mühe gab, sie einzuholen. Verdutzt blickte sie auf einmal neben sich und sah sie. Mittlerweile liefen ihr die Tränen die Wangen hinunter. Toya hatte noch nie in ihrem Leben vor etwas kapituliert, nun jedoch stand sie kurz davor. Was bitte konnte jetzt noch schlimmer kommen? Erst setzte man ihr dieses strahlende Wesen in den Privatunterricht, und nun sah Frau Saubermann auch noch, dass sie flennte. Na Bravo! Toya schämte sich in Grund und Boden. Nicht nur, das ihr Kleid ein einziges Jammerspiel war, nein, sie war im Vergleich zu Lydia ein kompletter Trümmerhaufen. Von all dem schien aber Lydia nichts bemerkt zu haben.


Als wäre es nichts, gab sie Toya ein Taschentuch. Es war reinweiss, wie die Taschentücher von Mrs. Dyane. Toya hasste sie! Mit wildem Blick zog sie die Nase hoch, warf das Taschentuch zu Boden und rannte davon. Was sie dadurch nicht sah, war, dass Lydia in der Sekunde als sie davonlief sich zu verändern schien. Das Gesicht, welches vorher dem Antlitz eines Engels geglichen hatte, verzog sich nun zu einer bösen Grimasse, aus der Schadenfreude und Bosheit quollen. Als sie sich bückte, und nach dem Taschentuch griff, gab sie vor Schreck ein kurzes aber tiefes Knurren von sich. Ihre rechte Hand begann sich in den Urzustand zu wandeln. Ganz undeutlich für Lydia jedoch eindeutig, sah man, wie die Hand zu altern begann. Rasch klaubte sie das Taschentuch vom Boden auf, und stopfte es in ihre Tasche. Dabei zog sie eine kleine Ampulle heraus, in der eine gallige stinkende Flüssigkeit war. Ein paar Tropfen bereits genügten, und Lydias Hand glich wieder der, die sie noch vor einem Moment gewesen war. Die Ampulle landete wieder in der Tasche, und fand leise klirrend ihren Platz neben einem Säckchen mit Glasmurmeln....

Die Glasmurmeln 2


Ein wenig später nur, die Sonne schien rötlich schimmernd über den Dächern von Lashtora und läutete den Abend ein, schlich eine andere Gestalt auf das Dach, auf dem vor kurzem noch ein Mädchen und ein Kater gehockt hatten. Sie näherte sich vorsichtig und zögernd der Stelle, an der Toya gesessen hatte.

Die Nase in die Luft streckend, versuchte sie Witterung aufzunehmen. Aber erfolglos, die beiden waren weg. Der Grashalm, der ihr im Mundwinkel hing, zuckte beim Schnüffeln munter auf und ab. Hier war sie nicht mehr, das wüsste er. Missmutig machte sich der Junge, der aus der Nähe aussah, wie eine Mischung aus Mensch und Elf, auf den Weg hinab. Nur nahm er nicht den Weg, den Toya und Lucious genommen hatten. Behände und eine Spur zu abenteuerlustig sprang er einfach auf das Dach nebenan, und wäre fast ins Straucheln geraten, als es ihm doch gelingen wollte, sich zu fangen um im nächsten Moment geschickt ein Regenfallrohr als Leiter auf dem Weg hinab zu nehmen. Unten angekommen wartete schon Drago, sein Begleiter.

Und so schlenderten sie langsam die Häuser entlang, wissend, dass nun bald die Dunkelheit kommen würde, und man sich nicht erwischen lassen durfte, sich zu solch später Zeit noch draußen aufzuhalten. Seit dem Verschwinden der Kinder gab es eine strikte Ausgangssperre, die besagte, das es allen Kindern und Jugendlichen untersagt war, nach Einbruch der Dunkelheit noch an der frischen Luft zu sein. Zu groß war die Angst der Erwachsenen. Und damit hatten sie recht. Also machte sich Tobey auf den Weg nach Hause.
Die Prügel, die ihm sein Vater angedroht hatte, war allerdings nicht der Grund. Denn es blieb meist nur bei den Drohungen seines Vaters. Seines Vaters? Na ja...eigentlich war Tobias ja nicht sein richtiger Vater. Tobias hatte Tobey kurz nach dessen Geburt gefunden. Eingewickelt in einen großen braunen Filzlappen, aus dem Hüte gemacht wurden, lag die kleine wimmernde Gestalt strampelnd an einer Brücke. Nicht viel hätte gefehlt, und eine nahende Kutsche hätte dem kleinen Bündel den Garaus gemacht. Tobias nahm das kleine, nun deutlich lauter werdende Wesen kurzerhand an sich und machte sich auf den Weg nach Hause.

Dort angekommen legte er es behutsam auf das Bett. Lillith, Tobias Frau, kam hinzu und lugte staunend hinein. Er hatte sofort auch das Herz von Lillith Trimm gewonnen. Tobias hatte er schon während des Nachhauseweges in seinen Bann gezogen, was nicht wirklich verwunderlich war. Fragend blickte sie ihren Mann an und ein kurzer Wortwechsel beider reichte aus, um zu klären, das, für den Fall das kein Familienangehöriger dieses kleinen Knaben zu finden sei, er nun bei ihnen bliebe und als Sohn in die Familie aufgenommen werden solle. Die Verbindung von Tobias und Lilliths war kinderlos geblieben, sehr zum Bedauern beider. Von daher war es beiden nur recht. Und da sowohl Tobias als auch Lillith, zwar guten Herzens aber doch recht einfach und zudem nicht sonderlich gebildet waren, entschieden sie sich, ihm den Namen in Anlehnung des neuen Vaters zu geben:Tobey. Nicht sehr einfallsreich, aber gut. Damit war alles gesagt, und genauso kam es. Bereits zwei Wochen später wurde dem Paar mitgeteilt, das es keinerlei Hinweise über den Verbleib der leiblichen Eltern des Knaben gäbe, und man es gut hieße, wenn Tobey bei den Trimms bliebe.

So wäre allen Seiten vortrefflich gedient. Glücklich über den nun gesicherten Familienzuwachs, zogen die beiden nun den Jungen auf, als wäre er ihr eigener. Im Laufe des Heranwachsens zeigte sich immer deutlicher, das der Junge nicht "normal" war. Mal abgesehen von seinen Gesichtszügen, die eher denen eines Elfs ähnelten, hatte der Junge auch ein besonderes Gespür für die absonderlichsten Begebenheiten, was seinem Vater überaus dienlich war. Tobey konnte manchmal, und auch meist nur kurz vorher, voraussagen, wenn etwas Unvorhergesehenes passierte. Es waren kleine Eingebungen, die so manches Missgeschick verhindern konnten. Wie zum Beispiel das Auftreten eines plötzlichen Windes, der die Fensterläden zu schließen drohte, und dabei eine Vase zerdeppert hätte.

Auch war sie nützlich, wenn er später mit seinem Vater hinausfuhr, um Fische zu fangen. Ganz spontan einer Eingebung folgend sagte Tobey seinem Vater, wo gerade der beste Fang zu machen sei. Anfangs hatte Tobias gedacht, sein Sohn prahle lediglich, und versuchte sich wichtig zu tun. Doch im Laufe der Zeit wusste auch Tobias den Nutzen aus der Gabe seines Knaben zu ziehen, was der Familie den Unterhalt sicherte, und ihnen ermöglichte Tobey auf die Schule zu schicken.

Es waren viele kleine Eigenheiten, die immer wieder daran erinnerten, das Tobey womöglich kein reinrassiger Mensch war, sondern zum Teil dem alten Geschlecht derer aus den Bergen entstammen musste, denen ebensolche Gaben nachgesagt wurden. Die Blitzer. Egal, wie oft und viel seine Haut der Sonne ausgesetzt war, nie hatte der Junge eine vom Wetter gefärbte Haut. Im Gegenteil, er war blass, fast ein wenig wächsern. Seine Gesichtszüge waren fein und jedermann auf der Strasse blickte unwillkürlich einen kleinen Moment länger zum ihm hin. Tobey jedoch tat meist, als fiele es ihm nicht auf. Er machte sich nichts daraus, dass die Menschen ihn anstarrten. Er war sich noch nicht einmal bewusst, dass sie es taten, weil sie ihn auffallend hübsch fanden. Den Vorteil daraus wusste er allerdings sehr wohl zu ziehen. Für einen Jungen von gerade mal vierzehn Jahren hatte er eine bezaubernde Art, die es ja sogar auch seinem Vater verbot, die angedrohten Schläge in die Tat umzusetzen. Doch wusste er auch, wo die Grenzen lagen, diesen Bonus nicht übergebühr zu strapazieren. Und so machte er sich an diesem Tag auf, die abendliche Ausgangssperre einzuhalten. Natürlich würde Toya mal wieder stinkwütend sein, weil er nicht zur verabredeten Zeit auf dem Dach war, aber so schnell ihre Wut kam, ging sie auch meist wieder. Zumindest in seinem Fall.

Nur heute war der Fang groß gewesen und hatte mehr an Zeit in Anspruch genommen, als es Vater und Sohn lieb war. Die Aussicht aber auf einen glänzenden Verkauf der Fische machte die Mühe erträglich. Und wie er nun mit seinem Hund an der Seite so gemächlich die Strasse entlang trottete, regte sich ein Gefühl ihm. Einen kurzen Moment später hielt er inne. Auch Drago blieb wie angewurzelt stehen. Kein wirklich gutes Zeichen. Alarmiert sah er sich leicht geduckt um. Klarer Fall - es konnte nur die gegnerische Bande der blöden Internatsschüler sein. Im Schutz des immer dunkler werdenden Abendlichtes bot er jedoch keine besonders gute Zielscheibe, sein Glück! Und nun sah er sie auch: James, Beloy, Charlotte und Terence, wie sie langsam trottend ein gutes Stück vor ihm ebenso wie er der Ausgangssperre folgten. Es stand völlig außer Frage, dass wenn sie ihn hier alleine erblicken würden, sie die Gunst der Stunde nutzen würden. Auch, wenn sie dadurch ein paar Minuten später zu Hause waren. Sie würden sich mit Wonne auf ihn stürzen und ihn mit Schüssen aus ihren Zwillen bombardieren. Womöglich sogar irgendwo an einen Baum fesseln, damit er Ärger bekäme, wenn er zu spät war.
Der Kampf gegen die Internatsschüler ging schon über mehrere Generationen und hatte schon fast so etwas wie Tradition. Hier muss allerdings erwähnt werden, dass niemand mehr wirklich wusste, warum dieser Zwist entstanden war. Fakt jedoch war, das beide Parteien einen Heidenspaß daran hatten, sich gegenseitig zu bekriegen. Mal wurde das Maskottchen der Städter, ein grauenvoll hässlicher und zudem uralter, ausgestopfter Iltis mit dem Namen Porgie entführt, und nur nach einem erbitterten Kampf wieder heraus gerückt. Dann wiederum gab es die Rache der Städter, die sich heimlich ins Internat schlichen, um dort die Klassenräume mit Schmierereien und Wasserbomben zu verschönern. James war der aktuelle Anführer der Internatler. Toya, nach hartem internem Kampf und einer Reihe von Diskussionen, die Anführerin der Städter.

Da Toya durch den Grad ihres Onkels Privatlehrer hatte, und nicht die hiesige Schule besuchte, war es allein ihrer Kampflust und auch ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken, das sie diesen Rang nun innehatte. Sicherlich, sie genoss sämtlichen Respekt der Stadtkinder, aber sie war nun mal auch ein wenig außen vor. Niemand, außer Tobey, hatte Toya jemals weinen sehen. Tobey und Toya verband eine enge Freundschaft. Zwar wurmte es Tobey, das seine Instinkte in Bezug auf Toya noch nie wirklich funktioniert hatten, aber er mochte das burschikose, schlaksige Mädchen aus gutem Hause sehr.
Toya - was hatte sie ihm nur so wichtiges erzählen wollen, das sie sich so dringend mit ihm noch auf dem Dach treffen wollte? Jäh wurde Tobey aus seinen Gedanken gerissen. Etwas hatte ihn schmerzhaft am linken Arm erwischt. Nur hatte ihn sein Instinkt nicht gewarnt, wie er es für gewöhnlich tat. James und Co waren schon außer Sicht. Er hatte sein Tempo gedrosselt, um nicht doch Gefahr zu laufen den Blödis in die Arme zu fallen. Da, erneut ein Treffer. Dann hörte er ein leises Glucksen. Es kam von oberhalb der Häuser und nun war ihm auch klar, wer ihn da beschoss. Grinsend, die beiden Treffer schon vergessen, blickte er hoch, und sah Toya. Er musste sie nur um Augenblicke auf dem Dach verpasst haben. Nun war es zu spät. Sie winkte zu ihm hinunter. Er winkte zurück, deutete auf die untergehende Sonne und zuckte bedauernd die Schultern. Toya formte mit Daumen und Zeigefinger ein O, was ihm signalisierte, das sie verstanden hatte. Er sah aber auch die Falten auf ihrer Stirn, die ihm verrieten, dass das verpasste Treffen nun morgen das erste Thema zwischen den beiden werden würde. Es brauchte neben Toyas Mimik nicht viele Worte, wenn man sie so gut kannte. Tobey wusste aber auch, das sie schnell dabei war, ihm einen körperlichen Verweis in Form von Knuffern oder leichten Boxhieben zu erteilen, für den Fall, das er sich zu dolle über sie lustig machte. Einmal hatte er bei ihrem typischen Strinkrausziehen im Spaß zu ihr gesagt, wenn sie so weitermache, könne man ihr im Winter die Mütze aufschrauben. Zwar musste Toya sich ein Lachen verkneifen, aber den festen Knuffer in seine Seite ob dieser respektlosen Äußerung, blieb sie ihm nicht schuldig.

Tobey winkte nun noch einmal und machte sich wieder auf den Weg. Er musste sich nun wirklich sputen, wollte er seine Eltern nicht unnötig in Sorge bringen. Wissend, das seine Freundin ihn genau im Visier hatte, tat er, als könne er vor Kraft kaum gehen. Ein paar Minuten später kam er zu Hause an.
Ende Teil 2

Die Glasmurmeln 1



Zufrieden grinsend, mit schmutzigem Gesicht saß Toya auf dem Dach und sah hinunter auf das Gewimmel von Menschen unter ihr. Hier hatte sie ihren Frieden. Keiner ihrer strengen Lehrer, der sie mahnend ansah und zur Disziplin drängte, sich zu verhalten, wie es für ein Mädchen in ihrem Alter entsprechend war.

Keine Mrs. Dyane, die sie schimpfte, weil ihr Kleid vor Dreck hätte stehen können, und schon wieder einen Riss hatte, weil sie beim Toben mit den Jungs mal wieder nicht darauf geachtet hatte, als sie an einem Zweig hängen geblieben war. Trotzig hob sie den Kopf und sah in den Himmel. Neben ihr reckte sich Lucious, ihr Kater und treuer Schatten. In Toyas Fantasie war Lucious eigentlich kein Kater, sondern ein starker Luchs.

Diese Fantasie war gar nicht so weit hergeholt, denn mit seinem rötlich braunem Fell und der stattlichen Größe sah er in der Tat aus, wie ein Luchs in etwas verkleinerter Ausgabe. Die Sonne kitzelte sie in der Nase, und lies neue Sommersprossen zutage treten. Langsam wurde sie ungeduldig. Wo blieb nur Tobey? Geduld gehörte noch nie zu Toyas Stärken, und Tobey wusste das. Sie würde ihn ordentlich schimpfen, weil er sie warten lies. Schließlich war sie die Anführerin der Bande, zu der eine Reihe von Kindern aus ihrem Viertel gehörte. Diesen Rang hatte sich Toya hart erkämpfen müssen.

Zunächst einmal wollte keines der Kinder daran glauben, das Toya wirklich zu ihnen gehörte, geschweige denn ihre Bande anführen konnte. Sie kam aus eigentlich guten Verhältnissen, und der Rest der Bande bestand aus Kindern, deren Eltern einfache Arbeiter waren, oder gar Dienstboten ihres Onkels. Doch Toya hatte sich energisch behaupten können, und bewiesen, das sie kein verwöhntes Weichei war - ganz im Gegenteil. Sie war eine heißblütige und unerbittliche Kämpferin, wenn es darum ging, die gegnerische Bande, die doofen Internatschüler, zu bekriegen. Sie lehnte sich nach hinten, setzte sich aber schnell wieder auf, weil sie die Zwille piekste, die sie hinten im Rock stecken hatte.

Sie nahm sie heraus und dazu ein kleines gefaltetes Stück Papier, das ihr als Munition dienen sollte. Mit schmutzigen Rändern unter ihren Fingernägeln, bei deren Anblick Mrs. Dyane wieder ihre Augenbrauen heben, und die fiese, harte Wurzelbüste heraus holen würde, spannte sie das Stück Papier in das Gummi der Zwille. Nun visierte Gordon an, den Lehrling des Gerbers, der unten auf der Strasse gerade einen Berg Felle in den Wagen lud. Sie schoss, und nur einen kurzen Moment später hörte man den wütenden Aufschrei Gordons, der einen Teil der Felle fallen lies, um sich sein schmerzendes Hinterteil zu reiben. Ein Kichern unterdrückend, duckte sich das Mädchen, damit er sie nicht entdecken konnte, für den Fall, das er nach oben blickte. Geschah ihm ganz recht, dem Gordon. Er hatte noch vor kurzem versucht, Toya in den Schwitzkasten zu nehmen, weil sie belauscht hatte, als er schlecht von ihrem Onkel sprach. Mit einem beherzten Tritt gegen sein Schienbein war sie dieser Situation jedoch entkommen.

Doch ihr war klar, dass die Sache damit noch nicht beendet war. Toya liebte ihren Onkel Paul, der sie nach dem Tod ihrer Eltern zu sich geholt hatte. Er war der Bruder ihrer Mutter und war ein strenger, aber sehr guter Mensch, der allein durch sein Auftreten eine Aura von Kraft und Stärke ausstrahlte. Leider war Onkel Paul nur selten da. Er reiste viel, war ein gefragter Mann im Ministerium. Durch seine unermüdliche Jagd auf die "lautlosen Kinderdiebe" hatte er sich in den vergangenen Wochen großes Ansehen und Respekt bei den Bewohnern von Lashtora verschafft. Toya aber traute den Männern des Ministeriums nicht - jedenfalls nicht allen. Mr. Bangar war derjenige, den sie besonders im Visier hatte. Er war eine linkische, kleine Gestalt mit tiefliegenden Augen und der zweite Mann im Ministerium. Seine beiden Mitarbeiter, Hoartio und Wembel, waren stets an seiner Seite und ihm untertänigst zu Diensten.

Toya mochte auch diese beiden hochgewachsenen Gestalten nicht, weil sich eine Vielzahl an Gerüchten um diese Männer rankte, und nannte sie immer "der Graue" und "der Stinker". "Der Graue", also Horatio, hatte früher als Söldner seinen Lebensunterhalt verdient, und dem Mann seine Dienste zur Verfügung gestellt, der nur genug bezahlte.Stets trug er eines seiner scharfen Messer bei sich, und man sah ihm mehr als deutlich an, das er nicht lange zögern würde, von ihm Gebrauch zu machen. Widerlich, fand Toya. "Der Stinker", also Wembel, war stets in wallende Gewänder gehüllt und roch entsetzlich nach Lavendel und ranzigem Öl. Ihm sagte man nach, er stünde mit den dunklen Mächten im Bunde, und könne in die Zukunft sehen. Das war ihr unheimlich. Einmal hatte sie den Unterricht geschwänzt und war wie so oft durch die Strassen von Lashtora gestromert. Von weitem sah sie Bangar, Horatio und Wembel nahen. Mit einem Affenzahn war sie hinter einen Mauervorsprung gehüpft, und hätte fast kaut aufgeheult, weil sie sich dabei eine blutende Schramme am Bein zugezogen hatte. Versteckt hinter diesem Mauervorsprung, belauschte sie die drei Männer und hörte mit an, wie sie die Arbeit ihres Onkels in Frage stellten. Das Gespräch jedoch verstummte zusehends, als Onkel Paul in Sicht und Hörweite kam. Feigheit und Linkischkeit waren Toya ein Gräuel. In ihrer kindlichen Art wollte sie Onkel Paul beschützen.

Doch ihrem Onkel das Gehörte zu erzählen, würde eine gewaltige Strafe nach sich ziehen, denn sie musste ihm ja erklären, woher ihr Wissen um das Gehörte kam. Und ihr war es mit aller Strenge und unter androhen schlimmer Strafe verboten worden, den Unterricht von Mr. Klonsdale und Mr. Jermain zu schwänzen. Beim Gedanken an diese Männer zog sie unwirsch die Stirn kraus, und überlegte, ob sie diesen Groll noch schnell durch das erneute Benutzen ihrer Zwille an Gordon auslassen sollte. Er hatte es auch verdient, der Schmock Hatte er doch vor ein paar Tagen laut getönt, dass dieser Paul Moldron ein Wichtigtuer und Nichtskönner sei, denn erneut waren aus Lashtora drei Kinder verschwunden. Und niemand hatte, wie auch bei den bereits elf verschwundenen Kindern, eine Spur finden können. Onkel Paul war erneut mit vielen Koffern und Clark Sheldon in Begleitung losgezogen, um den leidenden Eltern ihre geliebten Kinder zurück zu bringen.

Das war vorgestern gewesen. Mrs. Dyane hatte ihr heute Morgen beim Frühstück jedoch erzählt, ihr Onkel würde diesmal nicht so lange fort bleiben, und schon in zwei Tagen zurück kehren. Wenigstens etwas, dachte Toya, und der Gedanke an die baldige Rückkehr des Onkels machte es ihr leichter dem Unterricht zu folgen und Mr. Klonsdale und Mr. Jermain hatten nichts an ihr auszusetzen, wenn man von der Kleinigkeit absah, das sie mal wieder vorlaut und Alles hinterfragend mit ihnen über die Lektionen zu diskutieren versuchte. Nach dem Unterricht war sie zu Mrs. Bellingham gelaufen. Sie war die Mutter eines der jüngst verschwundenen Kinder, und sah Toya mit verweinten Augen an. Ihr Sohn Marcus, gerade neun Jahre alt, war zusammen mit Suzannah und Patric Goyle, zehn und zwölf Jahre alt, vor fünf Tagen verschwunden.
Eigentlich hatte Toya großen Respekt vor Mrs. Bellingham, denn sie war eine ebenso starke, wie auch gutherzige Frau mittleren Alters, die ihren Mann vor ein paar Jahren, Toya wusste nicht mehr genau wann, verloren hatte, und nun für Marcus und seine jüngere Schwester alleine sorgte. Doch nun stand sie vor Toya, schwach, verzweifelt und blickte sie mit traurigen, rot geweinten Augen an. Toya gab ihr die Bügelwäsche, die Mrs. Dyane ihr aufgetragen hatte zu ihr zu bringen, murmelte ein " Wie immer, Mrs. Bellingham.", und machte sich schleunigst wieder aus dem Staub. Dabei hatte sie Tobey getroffen, der ihr mit guter Laune, doch sehr geschäftig wirkend zuwinkte.

Er versprach ihr in etwa zwei Stunden an ihrem geheimen Treffpunkt auf dem Dach zu sein, er müsse jedoch vorher noch seinem Vater helfen, die Netze einzuholen.Tobeys Hund Drago raufte sich kurz spielerisch mit Lucios und dann trennten sich die Freunde wieder, einander das Versprechen geben, sich bald zu treffen. Doch er war nicht gekommen, was Toya in stärker werdendes Unbehangen versetzte. Lucious gab ein Maunzen von sich, dem sie entnahm, das es Zeit war nach unten zu gehen, um zu Abend zu essen. Danach würde sie sich noch einmal versuchen sich auf das Dach zu schleichen, denn schließlich wollte sie Tobey die neusten Neuigkeiten berichten. Natürlich nicht, ohne ihn vorher zu rügen, weil er sie hat warten lassen. So stand sie auf und kletterte zurück auf den Sims des oberen Fensters, aus dem sie vor einer Stunde geklettert war. Der Kater lief mit in die Höhe gestrecktem Schwanz voraus....
Ende Teil 1




Can I have a Kiss- to- go?

Das wäre schön!
Genauso, wie man sich das beliebte Heißgetränk nach Wahl aussuchen und dann genießen kann, so hätte ich gerne die Option auf einen Kiss-to-go von einem ganz bestimmten Menschen!


Wohlgemerkt :
Ausgesucht, besonders und auch exklusiv!
..na ja- heiss darf er auch sein!
Und das Beste wäre :
Ich könnte ihn haben, wann immer es mich dürstet!
Wow...ich bin sprachlos!
=o)

Die Geschichte

Die Geschichte





"Rrrrrummms"

Kai hielt in seiner Bewegung inne und horchte auf.

Da, wieder :"Rrrrrumms" Diesmal lauter! Genervt blickte er sich um, und versuchte die Lärmquelle zu orten. Zornesröte färbte Wangen und auch Stirn, die er jetzt zu runzeln begann. Still und bewegungslos ruhten seine Finger auf der verschmutzten Tastatur. Verdammt, woher kam der Lärm? Und erneut:"Rrrumms" Wütend stand Kai vom Stuhl auf, und merkte erst jetzt ganz nebenbei, dass ihm beide Füße eingeschlafen waren.



Er bewegte mit dem Schicksal hadernd die Zehen, um ihnen wieder Leben ein zu hauchen. Erbost blickte er zur Zimmerdecke, denn mit dem letzten Poltern hatte er die Quelle des Lärmes orten können. Es kam von oben, von den "Neuen". Na ja, eigentlich wohnten sie auch schon fast zwei Jahre hier, aber sie waren die letzten Mieter, die eingezogen waren und Kai hielt noch immer am Namen "die Neuen" fest.



Überhaupt tat er sich immer schwerer damit, sich aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Alles, was neu war, zwang ihn, sich drauf zu konzentrieren, zumindest bruchstückhaft, welches er mehr als störend empfand. Es lenkte ihn ab, raubte ihm Zeit, die er sich nicht erlauben wollte, zu nehmen. Alles drehte sich nur noch um die Geschichte.

Die "Neuen" waren ein Paar, so Mitte zwanzig. "Chéri" und "mein Tiger" , auch bekannt als Gitta und Holger. Doch diese Namen hatte Kai in der ganzen Zeit nur einmal hören können, nämlich als die beiden sich als die neuen Nachbarn vorstellten. Ansonsten hörte man sie sich stets nur mit den Kosenamen anrufen, was Kai zu Beginn mit einem spöttischen Grinsen honorierte. Mittlerweile war er einfach nur noch angeekelt, ob so vieler geschwollener Harmonien!

Meist erklang es so: "Ach, Chéri, lass mal, die Tasche ist doch zu schwer! Ich werd sie gleich nehmen, geh doch schon mal rauf!" lies er, eine Spur zu laut, auf dem Parkplatz vor dem Haus tönen. "Ja, mein Tiger" flötete die Kirsche trillernd zurück.

Kai stand fast immer am Fenster, die Gardine einen kleinen Spalt breit weg geschoben, und steckte sich den Finger in die geöffnete Mundhöhle um so einen Brechreiz zu imitieren. Doch dieses Mal hatten die beiden sich eine andere Alternative ausgesucht, um Kais Aufmerksamkeit und somit auch seinen geballten Groll zu gewinnen. "Chérie" war mittlerweile schwanger, und so kam es, dass Babymöbel angeschafft wurden. Den ganzen Vormittag über hatten die beiden es gewagt, Möbel und ähnliches Zeugs lärmend durch das Treppenhaus hinauf bis in die erste Etage zu schleppen, und somit dafür gesorgt, dass Kai sich weder auf seine Schreibarbeit, noch auf den Erzählfluss der Geschichte konzentrieren konnte! Meist hörte er das überlaute Schnaufen von "mein Tiger", und "Chéri" stöckelte ebenso atemlos, nur leichter bepackt, vorneweg. Dann war es einige Zeit lang ruhig gewesen, und er konnte sich, zwar immer noch mürrisch und voller Misstrauen, ob die Stille nun anhielt oder nicht, wieder seiner Arbeit widmen. Gequält, ja fiebrig suchte er den Anschluss an zuvor getippte Worte. Schließlich wollte es ihm doch gelingen. Etwas Anderes hätte ihn auch erstaunt, denn nach einer gewissen Aufwärmphase fand er stets recht schnell wieder zum Thema zurück. Und das war gut so, denn er musste die Geschichte vollenden. Doch nun, fingen die zwei Witzfiguren über ihm an, die Möbel für "mein Tiger Junior" zusammen zu schrauben! Es konnte nicht wahr sein! Kurz überlegte Kai, ob er den Weg nach oben anstreben, und mit soviel Zurückhaltung er aufzubringen vermochte, um die benötigte Ruhe bitten sollte. Aber es war lächerlich, denn "Chéri" und "mein Tiger" hatten gegen keine der gängigen Regeln der Hausordnung verstoßen, denn sie hatten die Mittagsruhe eingehalten und nun durften sie wieder nach Herzenslust hämmern, bohren und schrauben.

Es war zum Kotzen. Flehentlich blickte Kai zum Laptop. Die Geschichte, er musste sie fertig schreiben. Nur so ging es auf keinen Fall. Zerstreut las er einige Zeilen des bereits Geschriebenen durch. Und während er dies tat, wurden seine Gesichtszüge langsam aber sicher immer entspannter, ja sie bekamen fast etwas Liebevolles. Dies klingt härter, als es vielleicht war, denn eigentlich war Kai eine recht stattliche Erscheinung und sicherlich gut aussehend, aber das Leben hatte ihm einige Prüfungen auferlegt, die sich wie Male auch in seiner Mimik spiegelten. Wo früher eine gesunde Gesichtsfarbe die attraktiven Kanten seines Gesichtes noch positiver zur Geltung kommen lies, war nun ein bleicher, und um die Augen herum schattiger Schleier entstanden. Seine untere Gesichtshälfte war bedeckt von einem ungepflegten Bart. Noch vor einiger Zeit wäre ein solcher Zustand für ihn undenkbar gewesen. Doch dieser Tage war kein Platz für derlei Oberflächlichkeiten, einzig die Geschichte bestimmte seinen ganzen Tagesablauf. Sicher, so ab und an konnte er seine Konzentration auf ein Mindestmass an Körperhygiene lenken. An Tagen, an denen es richtig gut lief, wechselte er sogar seine Kleidung, doch es war stets ein weißes Hemd und eine schwarze Hose.
Etwas Anderes besaß er nicht, wenn auch in mehrfacher Ausführung. An guten Tagen schrieb Kai gleich bis zu zehn oder gar zwölf Seiten.

Heute war er bei weitem nicht annähernd an dieses Pensum gelangt. Eine geballte Faust zur Decke streckend schickte er einen stillen, zornigen Fluch zu den Quälgeistern. Diese Geste wurde jäh beendet, weil es an die Tür klopfte. Er hätte ausrasten mögen, sah aber schnell ein, dass das Klopfen ja auch nicht weiter störte, denn mit Schreiben war ja nun vorerst nichts. Mürrisch ging er zur Tür und öffnete sie. "Chéri" stand vor ihm, und grinste ihn freundlich an. "Hi, Kai!" sagte sie, und man konnte ihr ansehen, wie lustig sie diese Wortschöpfung fand, denn sie schob sogleich ein amüsiertes Kichern hinter her. Kai unterdrückte eine schroffe Erwiderung, und sagte steif: "Hallo, Gitta." "Ääähm, ja was wollt ich noch gleich?" sprach sie, und zupfte verlegen an ihrem Umstandspullöverchen. "Ahh ja, Du, entschuldige die Störung, aber wir bauen oben gerade das Kinderzimmer für das Baby." und blickte ihn vielsagend an. "Ja, das habe ich mit bekommen." erwiderte Kai hart. "Na ja, und wir haben da ein klitzekleines Problemchen." Ohne auf eine erneute Erwiderung Kais zu warten, fuhr sie munter fort.

"Äääähm, naja und der Holger bekommt es oben alleine nicht hin, und ich darf ja nicht, alldieweil ich ja schwanger bin." "Alldieweil ist nicht kausal sondern temporal ein zu setzen." entfuhr es Kai, ohne sich bewusst zu sein, dass er erneut unhöflich zu Gitta war. "Ääääh, ja genau.Und deshalb wollte ich mal lieb fragen, ob Du eventuell mal eine halbe Stunde Zeit hättest, dem Tiger unter die Arme zu greifen?" zwitscherte sie launig fort. Starr vor Erstaunen hörte Kai sich eine positive Antwort erwidern, und ein paar Sekunden später trottete er widerwillig hinter Gitta her, und schallt sich insgeheim einen furchtbaren Schwachkopf.


2

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!





Oben angekommen wurde er von Holger freudig begrüßt:"Ja, Mensch, Kai! Schön, dass Du Zeit für uns und unser Problem hast!" und musste einen kumpelhaften Klopfer auf seine Schulter über sich ergehen lassen. Ihn schauderte, soviel Nähe war er nicht mehr gewohnt, und ein stärkeres Unbehagen machte sich in ihm breit. " Ist schon okay, Tig.....Holger. Wenn es Dir nichts ausmacht, würde ich gerne sofort mit der Arbeit anfangen - ich habe nämlich noch zu tun." "Chéri" schob sich an den Männern vorbei in das angedachte Kinderzimmer und präsentierte mit einer weit ausholenden Geste ihres rechten Armes einen Haufen von Brettern, als würde sie in einem Shoppingsender ein edles Sideboard anpreisen. Kai seufzte und ihm wurde klar, das die erbetene halbe Stunde nicht einmal ansatzweise ein realistisches Zeitfenster darstellte, und er sollte recht behalten.

Es war schon dunkel, als er sich recht wortkarg von dem Paar verabschiedete und den Weg nach unten in seine Wohnung antrat. Es war kalt hier und nicht besonders liebevoll eingerichtet. Kai hatte sich in einer trotzig konsequenten Manier von Allem getrennt, was eine schmerzliche Erinnerung in ihm hätte wecken können. Sonst wäre ihm irgendwann der Atem weg geblieben, und mit Schmerz wollte er nicht wirklich gerne konfrontiert werden. Einzig, bei der Geschichte ließ er eine Ausnahme zu und gönnte dem Schmerz Eintritt in seine Seele. Doch es war ein Schmerz, den er händeln konnte, denn mit jeder Silbe, die er schrieb wusste er, er würde sein Versprechen einhalten.
Er ging an den Kühlschrank und holte die Karaffe mit Wasser aus dem untersten Fach heraus. Viel war außer ihr nicht drin, ein Stück Käse, ein Topf mit Butter und im Eisfach lag, das wusste er sicher, die Dose, dessen Inhalt er an zu schauen noch nicht Manns genug war. Er nahm einen Schluck kalten Wassers und fühlte, wie das Getränk seine Sinne schärfte. Er war noch immer ein wenig benommen, wegen des Besuches bei den Nachbarn, und spürte dankbar die gewohnte Stimmung langsam in sich aufkeimen.
Schreiben, er musste schreiben. Wie auf Schienen bahnte er sich den Weg zum Schreibtisch und nahm Platz. Ausatmen war das Nächste, was er tat. Und wieder einatmen - fast so, als wollte er sich so die Gedankenfetzen der letzten Stunden aus dem Kopf pusten. Mühevoll las er die beiden letzten fertigen Sätze und nahm Anlauf, fort zu fahren. Doch ein letzter Gedankenfetzen irrte hilflos in ihm und machte sich breit.
"Chéri" hatte ihn nach "der jungen Frau" ausfragen wollen, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Das war der Moment gewesen, indem Kai fast wortlos und ohnmächtig vor Zorn und Hilflosigkeit die Wohnung hatte verlassen wollen. Doch er war geblieben. Er brachte als Antwort ein Schulterzucken zustande und tat, als wäre er zu beschäftigt, um zu antworten. Gitta hatte ihren Fauxpas erstaunlich schnell erkannt, und lies die Männer allein. Doch sie hatte mit ihrer Frage eine Gefühlslawine in Kai ausgelöst, die er nicht gut bekämpfen konnte. An diesem Gedankenfetzen klebte er jetzt! Radikal, um jeden Preis diesen Gedanken verscheuchen wollend, goss er sich einen Schwall Wasser über den Kopf! Aaaah, es tat gut, es war wiederbelebend. Und so fand er sein Glück in diesem Moment und auch den Faden, die Geschichte fort zu schreiben. Er schrieb, als ginge es um sein Leben und nach zwei Stunden, die ihm jedoch nicht bewusst so lange vorkamen, war er halbwegs zufrieden, knipste die kleine Lampe aus und verlies den Schreibtisch.
Er zog sich im Dunkeln aus und legte sich ins Bett. Nach kurzer Zeit schon hatte er sich einen erfolgreichen aber freudlosen Orgasmus beschert und schlief nur wenig später ein.

Der nächste Morgen kam und ihm folgte der Rest des Tages, dann ein weiterer und so fort. Zeit war nicht relevant für den Mann, der sich überwiegend mit dem Schreiben befasste. Doch auch er war gewissen Zwängen unterlegen. Das Beschaffen von Nahrungsmitteln gehörte dazu. Nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden lies, machte er sich auf den Weg in die Innenstadt um schnellstmöglich zu besorgen, was er benötigte, um kurze Zeit später wieder in sein Refugium zu treten. So war es auch diesmal. Ein kurzer Blick in den Briefkasten - es konnten eh nur Werbung, Rechnungen und im schlimmsten Fall eine Anfrage des Verlages enthalten sein. Er nahm teilnahmslos ein paar Umschläge aus dem Kasten und schloss ihn. Wie lange es her war, dass er ihn das letzte Mal geleert hatte, konnte er beim besten Willen nicht sagen, denn es scherte ihn einen Dreck.

Er war gerade im Begriff seine Wohnungstüre zu öffnen - ein Vorgang, den er versuchte schnellstmöglich hinter sich zu bringen, um ja nicht noch einem geschwätzigen Nachbarn zu begegnen - als Holger fröhlich pfeifend die Treppe hinunter kam. Beim Versuch, schnell die Haustüre zu öffnen, passierte es: die Tasche mit den Einkäufen entglitt ihm und ihr Inhalt fiel polternd zu Boden. Ahnend, dass ihm "mein Tiger" zur Hilfe eilen würde, begann er wütend und hastig die Lebensmittel in die Tasche zurück zu befördern. Und richtig, Holger kam hinzu und klaubte bemüht einen Teil der Waren auf, um sie ihm grinsend zu reichen.

"Na, Kai, alles gut überstanden? Also ehrlich, wenn Du uns vor ein paar Tagen nicht geholfen hättest, wären wir echt nicht fertig geworden - die Gitta ist ja gehandicapt!" er grinste breit, was ihn in Kais Augen dämlich aussehen lies. "Haste den Kuchen bekommen?" fragte Holger fort. Richtig, der Kuchen. Natürlich hatte er am nächsten Tag das Klopfen an der Tür gehört, aber einer Ahnung folgend, es könnte nicht weiter von Belang für ihn sein, hatte er es ignoriert. Später dann sah er durch den Spion, und erblickte einen Teller mit Kuchen und ein Kärtchen, auf dem ein Dankeschön mit blassblauer Farbe geschrieben stand.

"Ja, danke! Den habe ich bekommen, war gut" sprach er, sich insgeheim darüber ärgernd, dass er zunehmend alle dereinst gelernten Manieren verlernt hatte. "Den Teller" begann er, doch Holger unterbrach ihn:" Aaaach, lass mal, hat keine Eile. So, nun muss ich aber, mach’s gut, Kai!" und winkend machte er sich an, zu gehen. Doch mit einem Mal hielt er inne und drehte sich noch einmal um. "Hör mal, wenn Du Lust hast, kannste ja am Wochenende mal hoch kommen. Die Gitta will was Feines kochen, und Du bist herzlich eingeladen, wenn Du Lust hast." "Wochenende, na ja" begann Kai zögerlich und kramte verzweifelt nach einer passenden Ausrede. "Ich werd mal sehen, was sich machen lässt!" war die beste, die ihm einfiel auf die Schnelle, und er setzte bereits einen Fuß über die Schwelle in die vermeintliche Sicherheit. "Prima!" entgegnete Holger und " kannst ja Deine Freundin gerne mitbringen! Dann sind wir Männer nicht in der Überzahl und Gitta ist auch versorgt!" War da ein boshaftes Grinsen auf Holgers Gesicht? Wusste er am Ende, dass es besagte Freundin nicht mehr gab? Vom Schmerz übermannt zuckte Kai nur mit den Schultern und war sich sicher, wie hilflos diese Geste auf Holger, den Tiger wirken musste. Lauter, als eigentlich beabsichtigt schloss er die Tür hinter sich und atmete ein. Seine Lunge brannte heiß, und er kochte innerlich. Wie lange er so an der Wohnungstüre gelehnt hatte, wusste er nicht, jedoch irgendwann besann er sich, und einem Automatismus folgend trug er den Einkauf in die Küche und legte die bislang ignorierte Post auf den kleinen Tisch. Nachdem er sämtliche Lebensmittel an die vorgesehenen Plätze geräumt hatte, zog er Jacke und Schuhe aus, auch automatisch, und über die gesamte Zeit hatte er nur diesen einen Gedanken: Wusste Holger um sein Leid und hatte er nur aus Bosheit nach IHR gefragt? Das ihm dabei Tränen über die Wangen liefen bemerkte er nicht. Er war wütend und vom Misstrauen übermannt. Da saß wieder dieser kleine Teufel auf seiner Schulter, und alles, was er tat, war dämonisch zu grinsen. Doch Kai wusste um die Worte, die sich hinter diesem Grinsen verbargen.

Er brauchte schon geraume Zeit keine Zwiegespräche mehr mit seinen Dämonen. Sicher, hin und wieder sprachen sie mit ihm, doch die Worte, die sie wählten bohrten sich wie eisige Zapfen in Kais Herz und vergifteten nach und nach seine Seele. Dieser Zustand bedrohte auch zunehmend die Reinheit der Worte mit der er versuchte die Geschichte zu schreiben. Doch bislang war es ihm geglückt die Geschichte wie ein kleines Geheimnis vor den Dämonen zu verbergen. Er wollte sie ihnen um keinen Preis offenbaren. Einzig, der Bewohner der anderen Schulter wusste es. Oder besser gesagt war es eine Bewohnerin. Ja, Kai hatte sich zum Trost auch ein Yang geschaffen, und folgte dem veralteten Bild von Engel und Teufel. Und sie erschienen stets als dynamisches Paar von Gegensätzen. Nur waren die Dämonen derzeit leider die dynamischere Partei und nur selten erlaubten sie dem Engel sich zur Oberfläche durch zu ringen. Kai jedoch erlaubte diesem Engel uneingeschränkte Einsicht auf den Werdegang der Geschichte. Mehr noch, er gestattete ihm bei seinen seltenen Besuchen sogar musisches Fördern seines Werkes. Auch mochte er den Anblick dieses verspielt und zerbrechlich wirkenden Wesens, es war fast gläsern. Leider wurden die Besuche des Engels von Mal zu Mal seltener, und Kai beschlich eine Angst, er würde irgendwann gar ganz seine Dienste aufgeben. Zu gut taten ihm die sanften Blicke dieses Wesens und er labte seine wunde Seele an ihnen. Zu sehr liebte er die aufmunternden Worte, wenn er hilflos, und vor Schmerz im Inneren gekrümmt fast ängstlich auf das Erscheinen der Dämonen wartete. Doch heute kam der Engel. Ganz leise vernahm Kai die sanfte Stimme, die leise seinen Namen rief. Dann rief der Engel ein weiteres Mal, diesmal ein wenig lauter, seinen Namen, so als käme er langsam näher, und erinnerte ihn an die Briefe auf dem Küchentisch. Hell und glockenklar klang die Stimme und schließlich strömte ihm ein wohliger Schauer über den Rücken. Er sah zur Schulter, auf der er nun seinen Engel wusste. Doch das Antlitz, das er nun erblickte erschrak ihn zu Tode und sein Unterbewusstsein drückte den Notaus -Schalter. Kai sank bewusstlos zu Boden.
Als er einige Zeit später wieder zu Bewusstsein gelangte, fand er sich durch gefroren auf dem Küchenfußboden. Mühsam rappelte er sich auf die Knie und fasste sich an die linke Schläfe. Er fühlte geronnenes Blut, aber nur ein wenig. Er hatte einen metallenen Geschmack im Mund. Langsam dämmerte ihm, was geschehen war und dann war die komplette Erinnerung da - in Sekundenbruchteilen schoss sie durch ihn hindurch, und es war ihm nicht möglich, Haltung zu bewahren. Er schrie, schrie dass es ihm den Schädel platzen lassen könnte, so laut. "Nein, nein, bitte nicht!" dachte er und unter sein Schreien mischte sich sein grauenvolles, irgendwie fremdes, schallendes Gelächter. Er hielt sich mit beiden Händen zitternd den Kopf fest, als wolle er so ein Zerplatzen verhindern. Noch nie hatte Kai so entsetzlich nahe am Abgrund gestanden, und er lief Gefahr den Verstand zu verlieren. Sein Engel hatte ihm einen grausamen Streich gespielt. Sicher, Kai wusste, sein Engel würde dies niemals tun, um ihm zu schaden, jedoch war er in seinem Zustand nicht in der Lage, zu erkennen, was der Engel bezweckt hatte, als er sich Kai in dem zuletzt gewählten Erscheinungsbild zeigte. Langsam kam er wieder auf die Beine und schleppte sich zum Tisch vor dem ein einzelner Stuhl stand. Kraftlos lies er sich auf diesen sinken. Sein momentaner Zustand lies sich ohne Weiters mit einem schlimmen Kater vergleichen. Er hatte entsetzliche Kopfschmerzen. Ein Umstand, den sicherlich nicht nur sein Sturz verursacht hatte.

Wissend, dass der Engel ihm nichts Böses wollte, gedachte er dessen Worte, als er Kai an die Briefe auf dem Tisch erinnern wollte. Träge glitt seine Hand zu dem kleinen Stapel Post. Eine recht bizarre Handlung, wenn man sich in Kais Lage hinein zu versetzen versuchte, aber zu diesem Zeitpunkt wäre nahezu jede Reaktion nach dieser abstrusen Begebenheit als bizarr zu betiteln gewesen. Nicht nur, weil der Engel ihn an die Umschläge auf dem Tisch erinnerte, blätterte Kai sie nun durch. Ihn dürstete auch nach einem Hauch Normalität. Vielleicht gelang es ihm so, sein immer noch wild schlagendes Herz und die wirre Angst im Kopf zu zähmen. Beim dritten Umschlag hielt er inne. Es war ein Umschlag ohne Absender. Kai fühlte in ihm etwas kleines Hartes. Er riss ihn auf und ein vertrauter, dennoch lange nicht in Händen gehaltener Gegenstand glitt ihm in seine zittrige Hand. Es war die Kette, die sie ihm damals geschenkt hatte. Eine goldene Gliederkette, mit einem flachen, schön geformten Fragezeichen als Anhänger etwa zwei Zentimeter groß. Lange saß er regungslos am Tisch, das Kleinod betrachtend. Seine Gedanken wanderten hin zu dem Moment, an dem er ihn zum ersten Mal in Händen hielt. Damals war er trunken vor Liebe, und der glücklichste Mensch der Welt. Nur wenige Monate zuvor hatte er sie kennen gelernt. An jenem Tag hielt er sich wie üblich im Verlag auf, um mit Lars das weitere Vorgehen zur Veröffentlichung seines nächsten Buches zu besprechen. Der Band war gedruckt und es würde höchstens noch ein paar Tage dauern, bis er seinen Weg in die Buchhandlungen antrat. Kai war an jenem Tag jedoch alles Andere als gut gelaunt, denn nun galt es Terminvereinbarungen für Lesungen zu treffen. Dieser Schritt zur Bekanntmachung eines neuen Werkes war Kai wohl bekannt, doch zutiefst Zuwider. Gerade schien das Gespräch mit Lars, dem Verlagsprokuristen und Verantwortlichen für Publicity, in ein Streitgespräch aus zu arten, da wollte das Schicksal es, das Lars sich in einer unbeherrschten Geste den gesamten Inhalt seines Getränks über den stylischen Anzug kippte.

Ein Umstand, der nicht nur dazu beitrug, die Schärfe aus der entstandenen Diskussion zu nehmen, sondern auch eine mehr als nötige Unterbrechung hervor rief. Kai gab Lars dankbar die Gelegenheit den Schaden zu beheben und eilte aus dem Raum. Ihm war sehr wohl bewusst, dass der Segen dieser frühzeitig beendeten Feilscherei nicht von langer Dauer war, aber in diesem Moment genoss er die Unterbrechung. Seine Laune war mit einem Mal besser. Er verließ das Haus und ging die Strasse entlang zu einem netten kleinen Bistro, in welchem er schon des Öfteren gegessen hatte. An einer roten Ampel blieb er stehen. Neben ihm stand eine zierliche Frau, die wie Kai vermutete, etwa gleichen Alters sein müsste.
Langes rötliches Haar umspielte ihr Gesicht. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, und Kai sah einen Moment später, wie der Seidenschal der Frau zu Boden fallen wollte. Dies war auch ihr aufgefallen und zeitgleich bückten sie sich, um den Fall zu verhindern. In nächsten Moment stießen ihre Köpfe an einander. Außer einem dröhnenden Schmerz nahm Kai noch das Parfum der Frau wahr und dieser Umstand machte die gesamte Situation erstaunlich angenehm, ja auf eine fast schon bizarre Art betäubend. Beide hielten sich mit jeweils einer ihrer Hände die betroffenen Stellen des Kopfes, und Kai hielt in seiner anderen den Schal. Grinsend hielt er ihn ihr entgegen. Die Frau nahm ihn lächelnd aber wortlos und entblößte zwei Reihen schneeweißer Zähne. Ihre Bewegung hatte zur Folge, dass ihre Handtasche zu fallen drohte. Ein erneutes reagieren Beider, um auch dies zu verhindern, sorgte nun für ein Déjà Vu der wohl peinlichsten Couleur. Wieder stießen sie zusammen.
Dieser Vorfall lies beide nun lachen. Die Frau blickte Kai mit einem wehrlos machenden Grinsen an, und zeitgleich hörten sie sich eine Entschuldigung sagen.

Erneutes Lachen. Die Ampel war mittlerweile ein weiters Mal rot umgeschlagen, und so lud Kai die Frau aus einer für sich nicht erklärbaren Laune heraus in das Bistro ein. Im nächsten Moment bereute er diesen spontanen Vorschlag, und kam sich dumm und klischeehaft stelzbockig vor.
Zu seiner Verblüffung jedoch nahm die Frau seine Einladung an. So steuerten die beiden mit Hilfe der nächsten Grünphase der Ampel das Bistro an. Kai besann sich zwischen zeitlich seiner guten Erziehung und stellte sich vor, während beide an einem kleinen Tisch am Fenster ihre Plätze einnahmen. Die Frau nannte ihm im Gegenzug ihren Namen: Gerda. Unwillkürlich zuckte Kai zusammen, und Gerda sah ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung an. Ihr war seine Reaktion nicht entgangen, wofür er sich schämte. Kai wollte nicht unhöflich sein, denn ihm gefiel die Frau und die Tatsache, dass sie nun hier mit ihm saß, war reizvoll. Eines der Dinge, die Kai jedoch als kompromisslos erscheinen lies, war sein Hang zur Unverblümtheit. Und so entschied er sich, sich zu erklären. "Du wunderst Dich, sicher über meine Reaktion." "Nun ja...ja!" sagte sie und zog die Nase ein wenig kraus. "Es gab ja schon öfter mal Reaktionen auf meinen Namen, aber das jemand zusammen gezuckt ist, war bislang noch nicht dabei." "Entschuldige bitte, es war nicht persönlich gemeint." Sprach er, und kam sich reichlich albern vor. Aber Gerda fragte nicht weiter - ein Zug, den Kai überaus zu schätzen wusste.

Sie gefiel ihm, mehr sogar, sie reizte ihn. Sie sahen sich eine Weile wortlos an, und dann war sie es, die die Stille brach:" Was machst Du denn sonst, wenn Du nicht gerade fremde Frauen mit Beulen am Kopf versiehst?" fragte sie schmunzelnd. Es begann unaufhörlich zwischen ihnen zu knistern, und so kam es, dass Kai nach einer Weile völlig gebannt von ihr, den Vorschlag machte, sie nach Hause zu fahren.
Zu seiner Verwunderung bat sie ihn, ihr seine Wohnung zu zeigen. Sie schien keinerlei Bedenken oder gar Angst zu haben vor dem Mann, den sie erst vor einer guten Stunde kennen gelernt hatte. Wer sie jedoch besser kannte, der wusste, dass sie vom ersten Moment an Kai verfallen war. Es schien, als hätte er sie völlig in seinen Bann gezogen, ohne sich dessen bewusst zu sein. So kam es, das sie ein paar Minuten später in Kais Wohnung ankamen. Zu diesem Zeitpunkt bewohnte er noch eine großzügig und luxuriös eingerichtete Wohnung, die stilvoll mit dunklen, alten Möbeln eingerichtet war.
Er nahm ihr die Jacke ab, und führte sie ins Wohnzimmer. Sichtlich beeindruckt sah Gerda sich nun um. Kai trat hinter sie, und einer Eingebung folgend schlang er den Arm von hinten um sie und küsste ihren Nacken. Gerda lies ihn gewähren und wand sich unter seinen Zärtlichkeiten. Schließlich drehte sie sich um, und sie küssten sich zum ersten Mal. Sekunden später legte er sie auf seinen großen Schreibtisch, nicht ohne ein paar Utensilien achtlos zu Boden zu werfen und nahm sie leidenschaftlich. Dies war der Beginn ihrer Geschichte. Von nun an verging kein Tag, an dem sie sich nicht sahen oder wenigstens sprachen. Kai, der schon öfter Affären mit Frauen eingegangen war, fühlte zum ersten Mal in seinem Leben wahre Liebe. Er blühte auf unter Gerdas zärtlichem, aber zerbrechlichem Wesen, und sie erlebten eine Zeit voller heißer, atemberaubender Erotik. Gerda war zum Zeitpunkt als sie Kai traf noch in einer Beziehung, die sich jedoch dem Ende neigte. Sie war mit diesem Mann schon seit der Schulzeit zusammen, und der Alltag hatte seine Narben hinter lassen. Kein Kribbeln mehr, keine Leidenschaft. Man kannte sich in und auswendig, und schon lange hatte Gerda mit dem Gedanken gespielt zu gehen. Nun war der Zeitpunkt gekommen.

Und so entschloss sie sich, der Beziehung ein Ende zu machen. Sie wollte Kai, so wie er sie wollte. Sie fühlte, sie waren für einander geschaffen. Er machte sie trunken, wenn sie in seinen Armen lag, und sie liebte seine bisweilen geheimnisvolle Aura. Auf ihre hin und wieder ängstliche, zerbrechliche Art suchte sie seine Nähe, wollte ihn ganz und gar erforschen.
Eines Tages, es waren etwa zwei Wochen seit ihres Kennenlernens vergangen, hatte sie ihm die Kette geschenkt. Ein goldenes Fragezeichen, etwa zwei Zentimeter groß und ganz glatt hing an ihr. Kai lachte, als er sie in Händen hielt, und er wusste genau, dass sie auf den Moment ihrer Namensnennung anspielte. Sie hatten nie wieder darüber gesprochen, und manchmal reizte es sie schon, ihn danach zu fragen, aber sie beließ es dabei. Mit der Kette jedoch signalisierte sie ihm, dass sie das Thema nicht vergessen hatte, und darauf warten würde, wenn er bereit war, über diesen Moment zu sprechen. Kai entschied, dass nun der richtige Moment gekommen war, darüber zu sprechen....
Schneller als im lieb war, hatte er Vertrauen zu Gerda gefunden. Er liebte, ja brauchte es, in ihrer Nähe zu sein. Er kam sich mit einem Mal komplett vor, und als er nun neben ihr liegend, mit einer Strähne ihrer roten Haare spielte, sprach er leise: " Du bist vielleicht noch nicht lange genug ein Teil meines Lebens, um mich vollends zu verstehen, jedoch weiß ich..... - anders... " unterbrach er sich und setzte sich auf, um sie nun ernst an zu sehen, und sprach weiter:" Von je her war es die Geschichte der Schneekönigin, die mein Leben bestimmt hat. Sie war es, die meinen Berufswunsch in mir geweckt und letztlich auch am Leben gehalten hat. Schon als ich ein kleiner Junge war, hat sie mich fasziniert und gefesselt. So sehr, dass ich angefangen habe, selber Geschichten zu schreiben.

Das Schreiben ist meine große und fast einzige Leidenschaft gewesen. Sie hat stets verhindert, mich längerfristig an einen Menschen zu binden, und um ehrlich zu sein, habe ich nie den Wunsch danach verspürt, bis ich Dich traf." Kai stockte, weil er nach Worten rang um Gerda nicht zu verletzen. Er blickte ihr tief in die Augen, und nun war er es, der Fragezeichen sah! "Nun, ich weiß nicht, ob Du verstehst, was ich Dir sagen will, aber ich habe nie einen Menschen wie Dich kennen gelernt." Kai merkte nicht, wie ihm Tränen über die Wangen liefen, während er sprach.

Es kostete ihn mannigfache Überwindung dieses Geständnis zu machen, aber zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er, das er das Richtige tat. Bisher hatte Unsicherheit oder gar Desinteresse fast jede seiner Handlungen gefärbt und hatte sein Leben somit zum einem Dasein gestaltet, dass sich anfühlte, wie ein Sofa, über das man Plastikfolie gespannt hatte. Nie wirklich beteiligt, nie richtig nah am Leben oder Geschehen. Gerda aber, mit all ihrer Loyalität, mit all ihrer Sanftheit und Liebe hatte ihn an die Sonne gelassen.
Und jetzt wurde ihm klar, dass der Splitter aus seinem Herzen entfernt war. Genau das sagte er ihr. Gerda nahm sein Gesicht in ihre zarten Hände und küsste die Tränen fort.

Dann legte sie ihm stumm die Kette an, und küsste ihn erneut. Er erwiderte den Kuss nur zu gerne, und aus der scheinbar traurigen Situation entstand eine Nacht voller Glück. Sie liebten sich die ganze Nacht wie zwei Menschen, die dem Ertrinken entronnen waren und als der Morgen graute, fragte Kai Gerda ob sie seine Frau werden wolle..... Jäh kam die Realität zurück und Kai saß wieder allein in seiner schäbigen Küche. Allein mit der Kette in seiner Hand und den Briefen auf dem Tisch. Die Erinnerung an Vergangenes tobte in seinem Kopf und in seiner Brust. Die Schneekönigin gab ihn nicht frei.

Grausam und herrisch bestimmte sie über sein Leben. Er konnte so nicht mehr weiter leben, er wollte es nicht. Der Schmerz sollte nicht länger sein Leben bestimmen. Er fasste den Plan, sein Leben zu beenden, doch ein weiteres Mal nahm ihn sein Versprechen in die Pflicht. Er durfte nicht eher gehen, bevor er die Geschichte beendet hatte, so hatte er es versprochen. Gerda hatte ihm das Versprechen in ihren letzten Stunden abgerungen. In ihr glomm die Hoffnung ihn so wieder in sein altes Leben bringen zu können, in eines, das zwar kalt und bitter war, jedoch gefüllt war mit seiner anderen großen Liebe - dem Schreiben. Sie hatte ja keine Ahnung.... Wie in Trance setzte er sich an seinen Laptop und tippte. Er schrieb von sich und Gerda, wie sie seinen Heiratsantrag ablehnte, und er wütend und verletzt die Wohnung verlassen hatte. Von ihrem Geständnis todkrank zu sein.
Er schrieb von Gerdas Krankheit, und wie sie ihrem Leben ein Ende zu machen drohte. Gerda war mit einem Loch im Herzen geboren worden, und ihr Zustand hatte sich mit zunehmendem Alter verschlechtert. Die Aussicht auf ein Spenderherz war ihre einzige, aber dennoch vergebliche. Kai schrieb von all dem Schmerz und der Verzweiflung. Von den Träumereien, dem Tod trotzen zu können und vom schließlichen, schmerzhaften Ende. Auch die Dämonen ließ er nicht aus, die ihn verspotteten und spielerisch quälten. Und auch nicht den bis zuletzt geliebten Engel, der sich ihm am Ende mit Gerdas Antlitz zeigte, so als ob er ihn zu Eile drängte. Als er zum Ende der Geschichte gekommen war, lehnte er sich zufrieden zurück! Es war vollbracht. Eine gute Stunde später war er mit dem Ausdruck der Geschichte fertig. Mutig blickte der zum Kühlschrank Drei Tage später wurde Kais Wohnungstür von der Polizei geöffnet. Holger und Gitta hatten sich gewundert, warum er nicht zu ihnen hoch gekommen war, und als er auf mehrmaliges Klingeln nicht reagierte, hatten die beiden sich schließlich dazu entschieden, die Polizei zu alarmieren.

Diese kam wenig später und öffnete die Tür. Dort fanden sie also den Helden dieser Geschichte, leblos am Küchentisch. Seine Todesursache konnte weder vor Ort noch zu einem späteren Zeitpunkt geklärt werden. Er war einfach gestorben. Er saß zusammen gesunken auf seinem Stuhl. Neben ihm, auf dem Tisch stand eine Dose. Sie war leer. Kais rechte Hand lag auf dem Tisch und darin und als Lache auf dem Tisch, eine Wasserpfütze. Den Beamten bot sich ein skurriles Bild, als sie sich in Kais Räumen umblickten. Man konnte Tapete nur erahnen, denn über ihr befanden sich an allen Wänden Blätter, die lückenlos beschrieben waren. Beschrieben mit der Geschichte....

Kinderquatsch

„Afrikaner haben es gut!“

Es ist ein schöner, sonniger Sommermorgen. Frau Vogelscheuche packt gerade ihre Badetasche, um an den Badesee zu gehen.
Als sie zum Fenster hinaus guckt, sieht sie ihre kleine Freundin Tina Trümmerlotte auf ihr Haus zu kommen. Tina guckt schlecht gelaunt, als sie den staubigen Weg zu Frau Vogelscheuche´s Haus entlang läuft.
Einen Moment später ist Tina im Haus.
„Na, Tina – Du siehst aber schlecht gelaunt aus. Und das, obwohl heute ein sooo schöner Tag ist? Was ist passiert?“ fragt sie.
„Ach“, mault Tina „es ist so schrecklich warm, und es ist doch sooo weit weg, bis zu unserem Badesee.“
„Ja, da hast Du recht, Tina. Da hatten wir es früher besser!“
„Früher? Besser? Wie meinst Du das?“ fragt Tina und setzt sich gespannt an den Küchentisch.
„Ja, doch. Früher, als wir noch einen See direkt hier hinter der großen Wiese hatten.“
„Du willst mich wohl veralbern? Ist das wirklich wahr?“ fragt Tina, und guckt mürrisch zu ihrer Freundin hinüber.
„Nein, nein, ich will Dich nicht veralbern.“ lacht Frau Vogelscheuche, und sagt „es gab vor langer Zeit mal einen wunderschönen, riesigen Badesee, dort, gleich hinter der Wiese“ sagt sie und zeigt mit dem Finger ihrer rechten Hand aus dem Fenster zur großen Wiese, auf der man im Winter herrlich im Schnee toben oder rodeln konnte.
„Ist das wirklich wahr?“ fragt Tina erneut, und sieht misstrauisch aber gespannt zu Frau Vogelscheuche hinüber.“Und…wo ist er dann jetzt? Einfach weg? Ist er eingetrocknet? Wurde er von großen Tieren leer getrunken? „

Bevor Tina weiter fragen kann, spricht Frau Vogelscheuche in einem Ton weiter, den Tina nur allzu gut kennt. Es ist genau der Ton, mit dem sie spricht, wenn sie ihr all die spannenden Geschichten erzählt, die Tina so sehr mag.
„Na, na, Tina – nicht so hastig! Nein, er ist nicht eingetrocknet. Und er wurde auch nicht von großen Tieren leer getrunken, auch wenn Deine Idee an sich ganz gut ist. Denn es hat etwas mit Tieren zu tun, das unser See verschwunden ist. Aber mit kleineren Tieren.“
„Welche Tiere waren es denn? Und was haben sie getan, Frau Vogelscheuche?“ fragt Tina gespannt.
„Nun“ fährt Frau Vogelscheuche fort „vor einiger Zeit, Du warst noch nicht geboren, oder noch ganz klein, da gab es wie schon gesagt diesen See hier. Er war sehr groß und wir hatten eine Menge Spaß dort, egal zu welcher Jahreszeit wir ihn besuchten. Im Frühling konnten wir Kaulquappen dort zu Fröschen heran wachsen sehen und Enten füttern. Im Winter zogen wir unsere Schlittschuhe an, und fuhren unsere Bahnen auf der vereisten, glatten Oberfläche. Es war ein Riesenspaß und es tummelten sich stets viele Kinder und auch Erwachsene dort.
Im Spätsommer haben dort viele von uns ein großes Fest gefeiert und es trafen sich alle zu einem großen, vergnügten Picknick. Und an heißen Tagen, wie diesem, packten wir unsere Badesachen ein und machten uns auf, um dort zu schwimmen.“

„Und warum ist er jetzt weg?“ fragt Tina zappelnd vor Aufregung. „Erzähl doch mal…!“
„Ja ja, ich erzähle ja weiter!“ sagt sie, und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Tina ´s schlechte Laune war wie durch ein Wunder verschwunden, und Frau Vogelscheuche erzählt heiter fort.
„Es war ein genau so schöner, sonniger Tag wie heute, nur nicht ganz so heiß“ spricht sie, und wischt sich dabei ein paar Schweißperlen von ihrer Stirn.
„Wir packten einen Korb mit Leckereien und gingen zum See hinüber. Dort angekommen schlugen wir am Ufer des Sees eine Decke aus, um es uns darauf gemütlich zu machen.
Es waren einige Kinder dort, die die Enten auf dem See mit Brot fütterten.
Es waren viele Enten dort und sie futterten emsig die Brotstücke der Kinder.
Mit einem Mal zog eine gewaltige, graue Wolke über den See und verdunkelte den Himmel.
Wir dachten schon, es würde nun bald zu regnen beginnen, doch es kam anders.“
„Anders? Also, wenn graue Wolken kommen, wird das Wetter doch immer schlechter!“ sprach Tina erstaunt.
„Ja, da hast Du sicherlich recht, doch es begann nicht zu regnen, sondern er wurde kälter und kälter um den See herum. Ganz plötzlich. Die Kälte zog auch über den See und ein leichter Nebel umgab ihn. Hastig kamen die Kinder aus dem Wasser, die vorher noch barfuss, mit hoch gekrempelten Hosenbeinen im seichten Wasser gestanden haben und zogen sich Strümpfe und Schuhe an.
Die Enten allerdings wurden noch mehr überrascht und hatten keine Zeit mehr aus dem Wasser zu kommen. Es ging ganz schnell und mit einem Mal waren die Beine der Enten im See eingefroren.
Wir standen dort am See und wussten uns keinen Rat.“

„Au weh“ sagt Tina bedauernd „die armen Entchen. Was haben sie getan? Sind sie etwa erfroren?“
„Nein, gottlob nicht! Aber sie waren erschrocken. So sehr, dass sie anfingen wie wild mit ihren Flügeln zu schlagen. Erst nur einige, doch innerhalb kurzer Zeit taten es die übrigen Enten nach. Das war vielleicht ein Wind!!“ spricht Frau Vogelscheuche und hebt zur Bekräftigung ihrer Worte die Augenbrauen.
Tina Trümmerlotte blickt gespannt, sagt aber kein Wort. Und so fährt die Vogelscheuche fort.
„Es war Jakob, glaube ich, dem zuerst aufgefallen ist, was als Nächstes passierte. Durch das Flügelschlagen der vielen, vielen Enten entstand nicht nur ein starker Wind. Man hörte auch auf einmal, erst ganz leise, dann immer lauter ein Knistern und Bersten, fast so, als ob man Wasser auf mehrere Eiswürfel gießt.“
„Ja, das Geräusch kenne ich. Es knackt leise und man kann Risse im Eiswürfel sehen.
Was hat Jakob gemacht?“ fragt Tina mit geröteten Wangen.
„Nun, gemacht hat er nichts, aber er zeigte auf den See und rief: Die Enten, sie wollen weg fliegen!!

Dann fiel auch uns auf, dass die Enten durch ihr Flügelschlagen sich langsam erhoben. Doch, da ihre Füße ja noch immer im See eingefroren waren, erhob sich der See langsam mit den Enten, wie ein großer, runder Eiswürfel. Das Knirschen wurde lauter und erstaunt traten wir einige Meter vom Ufer weg. Dann flogen die Enten immer höher und höher mit dem See an ihren Füßen und schließlich flogen sie ihn davon. Keiner von uns hat ein Wort gesprochen, denn wir konnten nicht glauben, was wir da sahen. Unser See flog mit all den Enten davon. Und schon nach kurzer Zeit sahen wir ihn nur noch als kleinen Fleck am Himmel, bis er dann ganz verschwand.
Einige Zeit später haben wir dann erfahren, dass die Enten mit ihm bis Afrika geflogen sind. Und ihn dort abgesetzt haben.
Dort liegt nun unser Badesee.“ sagt Frau Vogelscheuche, und blickt aus dem Fenster hinaus.
„Weißt Du was, Frau Vogelscheuche? Afrikaner haben es gut! Jetzt haben die auch einen schönen Badesee! Und es ist ja auch nicht soooo schlimm, denn wir haben ja auch noch einen. Zwar liegt der etwas weiter weg, aber das ist allemal besser, als gar keinen zu haben, stimmt´s?“
„Richtig „ sagt die Vogelscheuche mit einem Grinsen im Gesicht. Afrikaner haben es gut, wir aber auch!
Und nun, lass uns auf den Weg machen und an unseren See baden gehen.“
„Ja, eine glänzende Idee! Und schlecht gelaunt bin ich nun auch nicht mehr!!“ sagte Tina und greift im Hinausgehen noch rasch einen Apfel.