Mittwoch, 14. Januar 2009

Die Glasmurmeln 4


Die Glasmurmeln
Toya rannte was das Zeug hielt. Nur weg hier! Erst einmal musste sie wieder innerlich abkühlen. Wie war das möglich, dass sie sich so hatte vorführen lassen können? Nach ein paar Minuten verfiel sie in langsames Traben. Dann wurden die Schritte noch ein wenig langsamer, bis sie schließlich ein Schlendern wurden. Ihr Gangbild war auch ein Zeichen dafür, dass es ihr gelingen wollte, ruhiger zu werden. Immer noch mit ihrem Schicksal hadernd, machte sie sich nun dennoch auf, nach Hause zu gehen. Mrs. Dyane wartete sicherlich schon mit dem Essen auf sie. Und richtig - bereits im großen Flur des Hauses roch es herrlich nach Essen. Rasch begrüßte sie Lucious. Der Kater saß wie immer wartend auf der Kommode im Flur.


Wann immer er konnte, begleitete er Toya, doch zum Unterricht musste er zu Hause bleiben. Den Kater schmusend, merkte sie, wie ihre Laune sich langsam etwas hob. Rasch rannte sie ins Esszimmer, Lucious hinterher. Gerade als sie sich über den Teller mit leckerem Lamm, Kartoffeln und verschiedenem Gemüse hermachen wollte, kam Mrs.Dyane zur Türe hinein, einen großen Krug mit köstlich gekühltem Wasser tragend. Anhand ihres strengen Blickes mit hochgezogenen Augenbrauen konnte Toya fast sofort erkennen, was falsch war: sie hatte vergessen, sich die Finger zu waschen. Ertappt sprang sie leichtfüßig auf, warf dabei aber versehentlich ihre Gabel hinunter, die sich durch den Schwung im Ärmel ihres Kleides verfangen hatte.


Toya hob sie auf, stieß sich beim Hochkommen jedoch ihren Kopf am Tisch, und jaulte auf. Die schmerzende Stelle reibend, und sich deprimiert fragend, wann ihre Pechsträhne wohl endete, trottete sie in Richtung Badezimmer. Eilig wusch sie ihre Hände, um sich anschließend mit großem Hunger über ihre Mahlzeit her zu machen. Mrs. Dyane leistete ihr, wie so oft, dabei Gesellschaft. In erster Linie wohl sicher, um sich davon zu überzeugen, das sie mit ordentlichen Tischmanieren as. Und zum anderen, weil Mrs.Dyane hatte feststellen können, das, wenn sie mit Toya zusammen aß, es dem Kind besser zu schmecken schien.


In Mrs. Dyanes Augen war das Mädchen eh viel zu dünn. Und da sie wusste, das Mr. Moldron großen Wert auf das Wohlergehen seiner Nichte legte, und eine fortschreitende Verrohung Toyas nicht als gute Arbeit ihrerseits ansehen würde, nahm sie sich die Zeit. Mrs. Dyane war eine schlanke Frau mittleren Alters, mit langem braunen Haar und einem gepflegten, einfachen, aber nicht hässlichen Äußeren. Sie war nicht verheiratet, und hatte auch noch keinerlei Ambitionen, diesen Schritt zu wagen. In der Stadt gab es ein paar Männer, die ein Auge auf sie geworfen hatte, aber das ließ sie unbeeindruckt. Sie ging völlig auf in ihrer Arbeit.
Toya allerdings hatte den Eindruck, dass sie große Schwäche für Mr. Klonsdale, dem älteren Lehrer Toyas, hatte.


Toya vermutete dies, denn es war ihr aufgefallen, wie milde ja fast schon überschwänglich Mr. Dyane mit ihr wurde, wenn der Privatlehrer in ihrer Nähe war. Und sie errötete, wenn sie sich die Hand zum Gruß gaben, was Toya zum schießen komisch fand. Mr. Dyane mochte Toya sehr - das stand außer Frage. Ja, sie hatte sogar fast mütterliche Gefühle entwickelt.


War sie doch nun schon seit gut vier Jahren im Hause Moldron für Toya als eine Art Gouvernante tätig. Aber sie war auch sehr gewissenhaft, wenn es darum ging, dem Kind gute Manieren und ebensolche Umgangsformen beizubringen. Und das nicht nur, weil es Mr. Moldron von ihr verlangte. Sie hatte damals in der Stadt davon gehört, dass Paul Moldron seine Nichte nach dem Tod der Eltern zu sich genommen hatte, und nun eine Bedienstete suchte, die sich in seiner Abwesenheit um das Mädchen kümmerte. Er selber hatte weder Frau noch Kind, denn er hatte sich ganz der Wissenschaft gewidmet und keine Zeit für Zwischenmenschliches dieser Art. Es schien auch, als würde er nichts wirklich vermissen. Seine Arbeit war sein Ein und Alles und ermöglichte ihm ein Leben im Luxus.

Das Einstellen einer Kinderbetreuerin war ein Leichtes für ihn. Und so lies er in der Stadt verbreiten, gedachte, jemandem zu diesem Zwecke einzustellen. Und der Zufall wollte es, das Anabelle Dyane davon erfuhr. Sie war die erste Bewerberin gewesen, und nach einem langen, ernsthaften Gespräch, schickte er alle anderen Wartenden fort, denn sie waren sich sofort einig geworden, und Paul gefiel die schlichte, ehrliche Art der Frau. Das war, wie schon erwähnt, vor gut vier Jahren gewesen. Und bisher hatten sowohl Paul als auch Anabelle diese Entscheidung nicht einen Tag bereut. Anfangs taten sich Anabelle und Toya schwer, sich aneinander zu gewöhnen. Toya war durch die Tragödie um ihre Eltern verstört und verbittert gleichermaßen. Ein Zugang zu ihr wollte sich nur mit Geduld und liebevoller Zuwendung ermöglichen lassen, die zu geben Anabelle nicht schwer fiel. Es dauerte ein halbes Jahr, bis Toya Mrs. Dyane akzeptierte, und sich auf eine Bindung mit ihr einließ.

Seit circa einem Jahr jedoch musste sie das Mädchen wesentlich strenger angehen, als bisher gewohnt. Toya wurde immer wilder seit dem sie die Anführerin der Stadtkinder war. Zudem kam noch, dass sie sich nun langsam aber sicher zu einer Frau entwickeln würde - wenn auch nur zögerlich. Heute sah Mr. Dyane Toya bereits vor dem Essen an, das ihr etwas auf der Seele lag. Sie zog es aber vor, das Mädchen erst nach dem Essen darauf anzusprechen. Stattdessen versuchte sie während des Essens ein zwangloses, erfreulicheres Gespräch mit Toya zu führen. Sie sah jedoch die Gewitterwolken im Gesicht des Kindes, die sich beim besten Willen nicht vertreiben lassen wollten.


Kurze Zeit später aber, sie waren gerade fertig mit Essen, meldete sich Besuch an: Es waren die Lehrer von Toya, die noch einmal mit ihr und Mr.Dyane sprechen wollten. Beim Anblick Klonsdales bekam Anabelle Dyane wieder das neuerdings für sie typische rote Gesicht, doch heute war Toya nicht mehr zum Lachen zumute. Klonsdale, der ältere der beiden Männer, erklärte Toya nun, was es mit dem Erscheinen Lydias auf sich hatte. Lydias Mutter, Ella Dorn, war eine der wenigen Frauen, die für das Ministerium von Oswidge, der benachbarten Stadt von Lashtora, gearbeitet hatte. Doch nun war Ella tot, und die einzige noch lebende Verwandte Lydias war Kamylla Dorn, die es vorzog am Rand der Stadt und sehr zurückgezogen zu leben. Zu ihr war Lydia nun gebracht worden. Da sowohl im Internat als auch in der städtischen Schule für Lydia kein Platz mehr war, hatte sich Paul kurzerhand entschlossen, Lydia die Möglichkeit zu geben, am Privatunterricht Toyas teilzunehmen. Nicht zuletzt, weil er sich davon erhoffte, das etwas von Lydias Benehmen auf Toya abfärben würde. Als Toya hörte, dass sie sich mit Lydia ein Schicksal zu teilen schien, schämte sie sich wegen ihres Benehmens. Wortlos, auf ihre Schuhe blickend lauschte sie den leisen, ernsten Worten des Lehrers. Innerlich nahm sie sich vor, Lydia eine Chance zu geben. Gleich morgen würde sie ihr zeigen, dass sie sehr wohl im Stande war, sich normal und ebenso freundlich zu verhalten!

Mr. Jermain, der die ganze Zeit über schweigend an Klonsdales Seite saß, musterte das Mädchen interessiert. Schon lange hatte er Toya in sein Herz geschlossen, und vielleicht sogar mehr, als ihm lieb war....
Nach dem Gespräch ging Toya in ihr Zimmer. Die Erwachsenen waren noch unten und sprachen. Eilig verstaute sie ihre Schulsachen im Schrank, zog sich um, und gemeinsam machten sich Kater und Mädchen nun auf den Weg zum Geheimversteck ihrer Bande. Das Aushecken neuer Abenteuer oder gar Kämpfe war für Toya eine willkommene Ablenkung. Dort angekommen sah sie als erstes Tobey und Malcolm, Gordons jüngeren Bruder. Und kurze Zeit später, die anderen drei hatten gerade überlegt, was sie heute anstellen mochten, kamen noch vier weitere Kinder dazu. Nach kurzer gemeinsamer Überlegung wurde beschlossen mal wieder "Blitzer gegen Städter" zu spielen. Alle außer Tobey waren begeistert von der Idee.


Tobeys Vorschlag, doch lieber "lautlose Kinderdiebe" zu spielen, fand keinerlei Begeisterung bei den Kindern. Zu oft hatten sie in der letzten Zeit dieses Spiel gespielt, es war langweilig geworden. Toya wusste um die Abneigung Tobeys "Blitzer und Städter" zu spielen, und hatte sich aus der Abstimmung rausgehalten. Tobey zuliebe. Doch die Regeln der Bande waren eindeutig festgelegt: die Mehrheit bestimmte, was gespielt wurde. Tobey fügte sich der Mehrheit und das Spiel begann. Rasch wurden zwei Gruppen bestimmt, und nur hier nahmen die Kinder Rücksicht auf Tobey, der sich weigerte in die Gruppe der Blitzer zu kommen. Er mochte kein Blitzer sein, wegen des Gerüchtes um seine Herkunft.


Der Nachmittag verging wie im Fluge, und bald schon war es Zeit nach Hause zu gehen. Niemand verlor ein Wort über die verschwunden Kinder. Die Gruppe trennte sich, und jeder ging seiner Wege. Toya und Tobey gingen zusammen mit Lucious und Drago noch ein Stück gemeinsam. Unterwegs trafen sie auf Mrs. Bellingham. Sie ging mit hängenden Schultern an ihnen vorbei. Sie tat Toya unendlich leid, und sie fragte sich, ob die sonst so starke Frau nicht zerbrechen würde an dem Schmerz über ihren entführten Sohn. Im Vorbeigehen grüssten beide Kinder die Frau, und machten, dass sie weiter kamen. Tobey war es, der nun auf die verschundenen Kinder zu sprechen kam. Er fragte, wie viel Kinder wohl noch verschwinden würden. Marcus Bellingham war ein Mitglied ihrer Bande gewesen, und als die Nachricht sich verbreitet hatte, dass er auch fort war, waren alle Bandenmitglieder geschockt, das es einen der ihren getroffen hatte. Toya versuchte zuversichtlich zu antworten, denn es war ja ihr Onkel, der die Entführer zu finden versuchte. Tobey sagte, wenn er nur ein paar Jahre älter war, würde er sich ihrem Onkel anschließen und auch nach den Kindern suchen. Er blickte dabei so grimmig und entschlossen, das Toya ihm sofort glaubte. Sie strahlte ihn an. Mut und Entschlossenheit waren Züge, die Toya an Tobey besonders liebte. Sie blieb stehen, sah ihn an und sagte, sie würde ohne zu zögern mitkommen. Gemeinsam würde es ihnen sicher gelingen die Kinder zu finden und zurück zu bringen. Tobey blieb auch stehen, legte kurz eine Hand auf ihre Schulter und grinste seine Freundin an. Nichts anderes hatte er von ihr erwartet. Sie gingen schweigend weiter und schon kurze Zeit später kamen sie an die Gabelung der Strasse, an denen sich ihr Weg trennte. Tobey sagte leichthin, er würde noch ein kleines Stück mit ihr gehen, er habe noch keine Lust nach Hause zu gehen. Insgeheim jedoch wollte er nur sicher gehen, das Toya nichts auf den Strassen von Lashtora passierte.


Doch wäre er so leichtsinnig gewesen, ihr das so mitzuteilen, hätte er sich auf etwas gefasst machen können. Denn wenn Toya eines hasste, dann war es, wenn man sie für schwach oder gar hilflos hielt. Toya hingegen freute sich insgeheim, tat jedoch so, als wäre es ihr egal. Also brachte Tobey sie nach Hause. Am Haus angekommen verabschiedeten sich die Freunde und Tobey lief nun rasch zurück. Es dämmerte bereits sehr, und wenn er keinen Ärger bekommen wollte, musste er sich sputen. Als Toya in ihrem Zimmer war, nahm sie ihr Nachthemd heraus und legte es auf ihr Bett. Eilig wusch sie Hände und Gesicht und ging nach unten, um mit Mrs. Dyane zu Abend zu essen. Da sie mittags keine Gelegenheit gehabt hatten zu sprechen, fragte Mrs. Dyane sie nun, warum Toya so schlecht gelaunt gewesen war.

Toya gab ausflüchtende Antworten und wollte ihr um keinen Preis sagen, warum sie so wütend war. Denn mittlerweile schämte sie sich wegen ihres Benehmens und Mrs. Dyane bohrte gottlob nicht weiter nach. Sie sagte statt dessen, das ihr Onkel schon zurück sei. Er wäre vor einer guten Stunde angekommen, musste aber noch ins Ministerium zu Mr. Daniels und käme erst spät zurück. Toyas Freude über die verfrühte Ankunft ihres Onkels war enorm. Sie wollte heimlich versuchen aufzubleiben, und die Rückkehr Onkel Pauls abwarten. Sie ging auf ihr Zimmer, nahm ihr Nachthemd vom Bett und dabei fiel ein kleines Säckchen polternd zu Boden. Toya erschrak. Sie bückte sich und im Schein der Lampe neben ihrem Bett hob sie das kleine Stoffsäckchen auf. Ein Geschenk von Onkel Paul! Toya war begeistert.


Onkel Paul brachte ihr fast jedes Mal etwas mit. Nur hatte sie noch nicht so früh damit gerechnet, denn meist gab er ihr die Geschenke persönlich.Lucious kam und streifte ihr neugierig maunzend um die Knie. Das Säckchen hatte einen von außen nicht zu ertastenden Inhalt. Hastig öffnete Toya es und schüttete den Inhalt ungeduldig auf ihr Bett. Heraus kullerten wunderschöne Murmeln aus dem feinsten, klarsten Glas, das Toya jemals gesehen hatte. Ein paar von ihnen hatten im Inneren farbige Katzenaugen, ein paar waren glasklar. Wunderschön! Toya packte sie rasch wieder in den Beutel und legte sich glücklich in ihr Bett. Mrs. Dyane würde es nicht gerne sehen, wenn sie ihren Anweisungen, zu Bett zu gehen, nicht folgen würde. Und obwohl sie sich so fest vornahm wach zu bleiben, fielen ihr langsam die Augen zu und sie sank in einen Schlaf, der sie bis morgen früh gefangen halten sollte. Und er schenkte ihr einen Traum. Sie träumte davon, wie sie sich zusammen mit Tobey auf die Suche nach den verschwundenen Kindern machte.


Etwa zur gleichen Zeit, am Rand von Lashtora, saß Lydia im Haus von Kamylla Dorn. Es ekelte sie. Überall hier im Haus war der widerliche Geruch dieser Frau. Der würde jedoch bald auch verschwunden sein, ebenso, wie ihre Verursacherin, dachte Lydia. Sie konnte nun im Schutze der Dunkelheit ihre wahre Gestalt annehmen. Hierher würde es dank der Ausgangssperre heute keine Seele mehr verschlagen. Und falls doch, wehe ihr... Und während sie ihre Gestalt änderte, dachte sie daran, wie geschickt sie doch heute begonnen hatte, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Und bei der Vorstellung darüber, das Toya nun langsam aber sicher zu ihrem Spielzeug wurde, lachte sie laut und grässlich....

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen