
Zufrieden grinsend, mit schmutzigem Gesicht saß Toya auf dem Dach und sah hinunter auf das Gewimmel von Menschen unter ihr. Hier hatte sie ihren Frieden. Keiner ihrer strengen Lehrer, der sie mahnend ansah und zur Disziplin drängte, sich zu verhalten, wie es für ein Mädchen in ihrem Alter entsprechend war.
Keine Mrs. Dyane, die sie schimpfte, weil ihr Kleid vor Dreck hätte stehen können, und schon wieder einen Riss hatte, weil sie beim Toben mit den Jungs mal wieder nicht darauf geachtet hatte, als sie an einem Zweig hängen geblieben war. Trotzig hob sie den Kopf und sah in den Himmel. Neben ihr reckte sich Lucious, ihr Kater und treuer Schatten. In Toyas Fantasie war Lucious eigentlich kein Kater, sondern ein starker Luchs.
Diese Fantasie war gar nicht so weit hergeholt, denn mit seinem rötlich braunem Fell und der stattlichen Größe sah er in der Tat aus, wie ein Luchs in etwas verkleinerter Ausgabe. Die Sonne kitzelte sie in der Nase, und lies neue Sommersprossen zutage treten. Langsam wurde sie ungeduldig. Wo blieb nur Tobey? Geduld gehörte noch nie zu Toyas Stärken, und Tobey wusste das. Sie würde ihn ordentlich schimpfen, weil er sie warten lies. Schließlich war sie die Anführerin der Bande, zu der eine Reihe von Kindern aus ihrem Viertel gehörte. Diesen Rang hatte sich Toya hart erkämpfen müssen.
Zunächst einmal wollte keines der Kinder daran glauben, das Toya wirklich zu ihnen gehörte, geschweige denn ihre Bande anführen konnte. Sie kam aus eigentlich guten Verhältnissen, und der Rest der Bande bestand aus Kindern, deren Eltern einfache Arbeiter waren, oder gar Dienstboten ihres Onkels. Doch Toya hatte sich energisch behaupten können, und bewiesen, das sie kein verwöhntes Weichei war - ganz im Gegenteil. Sie war eine heißblütige und unerbittliche Kämpferin, wenn es darum ging, die gegnerische Bande, die doofen Internatschüler, zu bekriegen. Sie lehnte sich nach hinten, setzte sich aber schnell wieder auf, weil sie die Zwille piekste, die sie hinten im Rock stecken hatte.
Sie nahm sie heraus und dazu ein kleines gefaltetes Stück Papier, das ihr als Munition dienen sollte. Mit schmutzigen Rändern unter ihren Fingernägeln, bei deren Anblick Mrs. Dyane wieder ihre Augenbrauen heben, und die fiese, harte Wurzelbüste heraus holen würde, spannte sie das Stück Papier in das Gummi der Zwille. Nun visierte Gordon an, den Lehrling des Gerbers, der unten auf der Strasse gerade einen Berg Felle in den Wagen lud. Sie schoss, und nur einen kurzen Moment später hörte man den wütenden Aufschrei Gordons, der einen Teil der Felle fallen lies, um sich sein schmerzendes Hinterteil zu reiben. Ein Kichern unterdrückend, duckte sich das Mädchen, damit er sie nicht entdecken konnte, für den Fall, das er nach oben blickte. Geschah ihm ganz recht, dem Gordon. Er hatte noch vor kurzem versucht, Toya in den Schwitzkasten zu nehmen, weil sie belauscht hatte, als er schlecht von ihrem Onkel sprach. Mit einem beherzten Tritt gegen sein Schienbein war sie dieser Situation jedoch entkommen.
Doch ihr war klar, dass die Sache damit noch nicht beendet war. Toya liebte ihren Onkel Paul, der sie nach dem Tod ihrer Eltern zu sich geholt hatte. Er war der Bruder ihrer Mutter und war ein strenger, aber sehr guter Mensch, der allein durch sein Auftreten eine Aura von Kraft und Stärke ausstrahlte. Leider war Onkel Paul nur selten da. Er reiste viel, war ein gefragter Mann im Ministerium. Durch seine unermüdliche Jagd auf die "lautlosen Kinderdiebe" hatte er sich in den vergangenen Wochen großes Ansehen und Respekt bei den Bewohnern von Lashtora verschafft. Toya aber traute den Männern des Ministeriums nicht - jedenfalls nicht allen. Mr. Bangar war derjenige, den sie besonders im Visier hatte. Er war eine linkische, kleine Gestalt mit tiefliegenden Augen und der zweite Mann im Ministerium. Seine beiden Mitarbeiter, Hoartio und Wembel, waren stets an seiner Seite und ihm untertänigst zu Diensten.
Toya mochte auch diese beiden hochgewachsenen Gestalten nicht, weil sich eine Vielzahl an Gerüchten um diese Männer rankte, und nannte sie immer "der Graue" und "der Stinker". "Der Graue", also Horatio, hatte früher als Söldner seinen Lebensunterhalt verdient, und dem Mann seine Dienste zur Verfügung gestellt, der nur genug bezahlte.Stets trug er eines seiner scharfen Messer bei sich, und man sah ihm mehr als deutlich an, das er nicht lange zögern würde, von ihm Gebrauch zu machen. Widerlich, fand Toya. "Der Stinker", also Wembel, war stets in wallende Gewänder gehüllt und roch entsetzlich nach Lavendel und ranzigem Öl. Ihm sagte man nach, er stünde mit den dunklen Mächten im Bunde, und könne in die Zukunft sehen. Das war ihr unheimlich. Einmal hatte sie den Unterricht geschwänzt und war wie so oft durch die Strassen von Lashtora gestromert. Von weitem sah sie Bangar, Horatio und Wembel nahen. Mit einem Affenzahn war sie hinter einen Mauervorsprung gehüpft, und hätte fast kaut aufgeheult, weil sie sich dabei eine blutende Schramme am Bein zugezogen hatte. Versteckt hinter diesem Mauervorsprung, belauschte sie die drei Männer und hörte mit an, wie sie die Arbeit ihres Onkels in Frage stellten. Das Gespräch jedoch verstummte zusehends, als Onkel Paul in Sicht und Hörweite kam. Feigheit und Linkischkeit waren Toya ein Gräuel. In ihrer kindlichen Art wollte sie Onkel Paul beschützen.
Doch ihrem Onkel das Gehörte zu erzählen, würde eine gewaltige Strafe nach sich ziehen, denn sie musste ihm ja erklären, woher ihr Wissen um das Gehörte kam. Und ihr war es mit aller Strenge und unter androhen schlimmer Strafe verboten worden, den Unterricht von Mr. Klonsdale und Mr. Jermain zu schwänzen. Beim Gedanken an diese Männer zog sie unwirsch die Stirn kraus, und überlegte, ob sie diesen Groll noch schnell durch das erneute Benutzen ihrer Zwille an Gordon auslassen sollte. Er hatte es auch verdient, der Schmock Hatte er doch vor ein paar Tagen laut getönt, dass dieser Paul Moldron ein Wichtigtuer und Nichtskönner sei, denn erneut waren aus Lashtora drei Kinder verschwunden. Und niemand hatte, wie auch bei den bereits elf verschwundenen Kindern, eine Spur finden können. Onkel Paul war erneut mit vielen Koffern und Clark Sheldon in Begleitung losgezogen, um den leidenden Eltern ihre geliebten Kinder zurück zu bringen.
Das war vorgestern gewesen. Mrs. Dyane hatte ihr heute Morgen beim Frühstück jedoch erzählt, ihr Onkel würde diesmal nicht so lange fort bleiben, und schon in zwei Tagen zurück kehren. Wenigstens etwas, dachte Toya, und der Gedanke an die baldige Rückkehr des Onkels machte es ihr leichter dem Unterricht zu folgen und Mr. Klonsdale und Mr. Jermain hatten nichts an ihr auszusetzen, wenn man von der Kleinigkeit absah, das sie mal wieder vorlaut und Alles hinterfragend mit ihnen über die Lektionen zu diskutieren versuchte. Nach dem Unterricht war sie zu Mrs. Bellingham gelaufen. Sie war die Mutter eines der jüngst verschwundenen Kinder, und sah Toya mit verweinten Augen an. Ihr Sohn Marcus, gerade neun Jahre alt, war zusammen mit Suzannah und Patric Goyle, zehn und zwölf Jahre alt, vor fünf Tagen verschwunden.
Eigentlich hatte Toya großen Respekt vor Mrs. Bellingham, denn sie war eine ebenso starke, wie auch gutherzige Frau mittleren Alters, die ihren Mann vor ein paar Jahren, Toya wusste nicht mehr genau wann, verloren hatte, und nun für Marcus und seine jüngere Schwester alleine sorgte. Doch nun stand sie vor Toya, schwach, verzweifelt und blickte sie mit traurigen, rot geweinten Augen an. Toya gab ihr die Bügelwäsche, die Mrs. Dyane ihr aufgetragen hatte zu ihr zu bringen, murmelte ein " Wie immer, Mrs. Bellingham.", und machte sich schleunigst wieder aus dem Staub. Dabei hatte sie Tobey getroffen, der ihr mit guter Laune, doch sehr geschäftig wirkend zuwinkte.
Er versprach ihr in etwa zwei Stunden an ihrem geheimen Treffpunkt auf dem Dach zu sein, er müsse jedoch vorher noch seinem Vater helfen, die Netze einzuholen.Tobeys Hund Drago raufte sich kurz spielerisch mit Lucios und dann trennten sich die Freunde wieder, einander das Versprechen geben, sich bald zu treffen. Doch er war nicht gekommen, was Toya in stärker werdendes Unbehangen versetzte. Lucious gab ein Maunzen von sich, dem sie entnahm, das es Zeit war nach unten zu gehen, um zu Abend zu essen. Danach würde sie sich noch einmal versuchen sich auf das Dach zu schleichen, denn schließlich wollte sie Tobey die neusten Neuigkeiten berichten. Natürlich nicht, ohne ihn vorher zu rügen, weil er sie hat warten lassen. So stand sie auf und kletterte zurück auf den Sims des oberen Fensters, aus dem sie vor einer Stunde geklettert war. Der Kater lief mit in die Höhe gestrecktem Schwanz voraus....
Ende Teil 1
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