Mittwoch, 14. Januar 2009

Die Glasmurmeln 3


Die Glasmurmeln Seine Eltern empfingen den Jungen freudig und fragten, was er noch alles angestellt habe. Tobey erzählte natürlich nichts von dem, was ihm passiert war. Auch, wenn es kein gravierendes Vorkommnis gab, so war Tobey doch gerne geheimnisvoll. Und so zuckte er die Schultern und grinste nur etwas schief. Niemals erzählte er seinen Eltern sofort, wenn ihm etwas Bemerkenswertes passiert war. Es dauerte stets ein paar Tage, bis er so ganz nebenbei entweder Vater oder Mutter von den "normalen" Erlebnissen erzählte. Von den Streichen zu erzählen jedoch war enorm unwahrscheinlich - das war Ehrensache.


Tobias und Lillith kannten diesen Zug ihres Sohnes schon und hatten sich großteils das Fragen schon abgewöhnt. Doch in Zeiten wie diesen war diese Frage eine Geste der Erleichterung. Während Tobey Drago sein Futter gab, setzten sich seine Eltern bereits an den gedeckten Tisch und tauschten lächelnd erleichterte Blicke aus. Nun würden sie gemeinsam zu Abend essen. Ihrem Sohn ging es gut. Sie wussten, sie konnten den Jungen nicht im Hause einschließen, hatten jedoch ein banges Herz wegen der mittlerweile nun schon vierzehn verschwundenen Kinder. Vierzehn Kinder aus vierzehn Familien, die nun allesamt aus Sorge zu verzweifeln drohten. Sicher, es gab täglich Nachrichten aus dem Ministerium. Doch noch nicht eines der Kinder war gefunden worden Paul Moldron war unermüdlich in seinem Suchen nach ihnen, hatte aber bisher keinen echten Erfolg zu melden. Immer wieder drangen neue Gerüchte um die "lautlosen Kinderdiebe" an ihre Ohren.


Und manchmal ging es sogar schon soweit, das Mütter versuchten ihre Kinder bei Ungehorsam damit zu drohen, und sagten, wer ungezogen war, den holten die "Lautlosen". Es gab auch viele Spekulationen darum, um wen es sich bei den ruchlosen Entführern handeln konnte. Es seien schreckliche, grausame Barbaren, die Kinder jagten um sie in Gruben arbeiten zu lassen, in denen sie selber keinen Platz hatten, damit sie an die wertvollen Steine kamen, denen man nachsagte, sie duften wie Jahrtausend alte Tränen.


Wenn der Besitzer eines dieser Steine einen von ihnen in einer Nacht ohne Sterne in ein Feuer warf, so vermochte der Stein ihm einmalig zeigen, ob und welche gefahr ihm drohte. Oder es seien die Hexen von Dollmay, verbannte Frauen aus vielen umliegenden Städten mit Zauberkräften, hätten sich der Kinder bemächtigt um sie als Nachwuchs zu schulen und in ihre geheimen Kräfte einzuweihen. Laut durfte jedoch nicht über diese Gerüchte gesprochen werden - das Ministerium sah dies gar nicht gerne. Doch all diese Spekulationen und Gerüchte konnte Mr.Daniels, der Kopf des Ministeriums, nicht verhindern. Daniels, ein älterer ernst dreinblickender Mann von großer schlanker Statur und grauen Haaren, war besorgt wegen der Vorkommnisse in Lashtora. Täglich sandte er Boten aus, um den Stand der Ermittlungen zu erfahren. Bangar, Daniels rechte Hand, sah ebenso besorgt drein, doch wenn er sich unbeobachtet fühlte, konnte man die spöttischen Züge um seinen Mund nur zu deutlich sehen. Es war kein Geheimnis, das Bangar nur darauf wartete, das Daniels endlich abdankte, um ihm den Posten zu überlassen. Schließlich hatte er lange genug im Schatten seines Mentors gestanden. Er war es leid, nur die zweite Geige zu spielen.


Langsam aber sicher hatte Bangar sich mit Hilfe von Horatio und Wembel eine Position erschlichen, die drohte Daniels vom Stuhl zu kippen. Doch bislang hatte dieser sich souverän halten können. Dem Volk war es lieb so, gehörte Bangar doch beileibe nicht zu den beliebten Männern des Ministeriums. Sie sahen ihn als das, was er war: machthungrig, skrupellos und eiskalt. Mit ihm als Spitze des Ministeriums würde ein böser kalter Wind um die Häuser ihrer Stadt wehen, soviel war sicher. Doch wurden auch leise Zweifel an dem Erfolg der von Daniels ins Leben gerufenen Suche langsam hörbar. Und Bangar wusste dies zu seinem Vorteil zu nutzen. Er war bereit jede Intrige zu schüren, solange sie dazu diente, Daniels Unfähigkeit zu verdeutlichen. Das wiederum brachte Daniels in Zugzwang, und diesen Druck gab er an Paul Moldron weiter. Das alles war Toya bekannt, wenn auch nicht bis in jedes Detail. Aber ihre Sinne waren fein genug, um das, was sie nicht genau wusste, instinktiv zu spüren. Und außerdem verfügte sie durch ihre ständigen Lauschattacken über genug Informationen. Als sie nun dort oben auf dem Dach bäuchlings lag, und Tobey nachsah, wie er zu seinen Eltern heimging, beschlich sie eine leise Wehmut.


Ihre Eltern waren vor vier Jahren gestorben, und langsam begann die Erinnerung an sie zu bröckeln. Nur mühsam wollte es ihr gelingen, sich an den Duft der Haare ihrer Mutter zu erinnern, oder das warme, kehlige Lachen ihres Vaters. Ihre ohnehin schlechte Laune nahm unweigerlich zu. Der heutige Tag war ganz entschieden nicht ihrer gewesen. Nur noch der Rest von heute und den ganzen morgigen Tag, dann würde Onkel Paul wieder zurück sein. Doch für wie lange blieb er dieses mal? Sicher, es war auch in Paul Moldrons Abwesenheit gut für die Kleine gesorgt. Nur, mit ihm in ihrer Nähe hatte sie wenigstens ein bisschen das Gefühl familiärer Nähe. Toya fröstelte und rappelte sich langsam auf. Sie würde nun auch nach Hause gehen. Die Nacht brach langsam herein und eine nichtssagende Stille überflutete die Stadt. Eine Stille, die gut war. Eine Stille, die unheilvoll war.


Und so kam die Nacht über Lashtora. Sie brachte die Müdigkeit, den Schlaf und die Träume. Toya, die eben in ihr Bett fiel, nachdem sie sich ausgezogen und flüchtig gewaschen hatte, fiel in einen tiefen Traum. Es war der Traum, den sie oft hatte. In diesem Traum war sie stark, also noch stärker. Und sie konnte fliegen, was sie, wenn sie morgens aufwachte immer wieder von Neuem entzückte. Wenn sie doch nur einmal so über die Dächer von Lashtora fliegen könnte, wie sie es im Traum tat! Tobey träumte nichts, seine Sinne brauchten die Nacht, um sich von der Präsenz, die sie am Tage hatten, zu erholen. Ein Zustand, den er oft hatte und auch ebenso häufig bedauerte. Denn wenn er mal ausnahmsweise etwas träumte, war er ein tapferer Held, der überragend schnell, ausdauernd und auch stark war.


Das gefiel dem jungen Burschen sehr! In der ganzen restlichen Stadt wurde auch geschlafen. Bis auf einige Menschen, die der Kummer so sehr plagte, das sie dem Schlaf trotzten. Und so gab es auch Tränen in dieser Nacht in Lashtora. Der nächste Morgen kam und mit ihm eine erneute Chance für Toya zu zeigen, das sie sehr wohl in der Lage war, Gelerntes anzuwenden. Sie überraschte den Lehrer mit zwar eigensinnigen aber intelligenten Lösungswegen in Mathematik. Mr. Klonsdale fragte sie das gestern Gelehrte in Geographie ab, und dabei kam sie ins Straucheln. Es dauerte nicht lange, und der Zorn nahm in Toya wieder das Zepter in die Hand. In der dritten Stunde kam Mr. Jermain. Und zu Toyas Erstaunen brachte er noch jemanden mit. Ein Mädchen kaum zwei Jahre älter als Toya war. Sehr elegant, ordentlich frisiert und ohne Schmutz unter den Nägeln.


Ihre stahlblauen Augen fixierten die grünen Toyas und freundlich und mit einer sanften Stimme reichte sie Toya die Hand und stellte sich als Lydia vor. Überrascht und fasziniert aufgrund der Eleganz dieses Mädchens brachte Toya in diesem Moment auch nicht die kleinste vorlaute Erwiderung fertig, sondern reichte ihr ebenso die Hand. Sie schämte sich angesichts dessen, dass sie nicht so elegant war, und ihre rechte Hand übersäht war von Tintenspritzern. Mr.Jermain teilte Toya mit seinem stets gleichbleibend freundlichen Lächeln mit, das Lydia von nun an den Unterricht mit ihr teilen würde. Ihr Onkel hatte diesen Weg gewählt, in der Hoffnung, dass Toya Lydia ein wenig nacheifern würde. Dann forderte er Lydia auf, sich auf den Stuhl neben Toya zu setzen.


Schamesröte überzog Toyas Gesicht. Wie konnten sie es wagen? Trotzig kreuzte sie die Arme vor der Brust und zog es vor, den Rest des Unterrichts nichts mehr zu sagen - es sei denn, sie wurde gefragt. Lydia hingegen war auch weiterhin die Anmut und Charmanz in Person - zum kotzen! Noch deutlicher konnte man es Klonsdale und Jermain nicht ansehen, das sie begeistert waren von ihr. Lydia war eine gute Schülerin, nicht überdurchschnittlich, aber anhand ihrer klaren, deutlichen Aussprache merkte man, dass sie viel las - so jedenfalls lobte Klonsdale. Toyas Laune, von der sie dachte, das sie nicht noch tiefer sinken könnte hatte den Gefrierpunkt erreicht. Das etwa tausendste ihrer Gebete wurde endlich erhört, und der Unterricht war beendet. Eilig nahm sie ihre Unterlagen und verlies wortlos und strammen Schrittes den Unterrichtsraum. Tränen der Wut schossen ihr in die Augen, nun da sie sich alleine wähnte. Wie konnte Onkel Paul ihr nur so etwas antun?


Und, woher kam dieses saubere Mädchen? Was zum Henker hatte sie in ihrem Privatunterricht verloren? Schnaubend vor Wut hatte Toya nicht bemerkt, das Lydia sich die größte Mühe gab, sie einzuholen. Verdutzt blickte sie auf einmal neben sich und sah sie. Mittlerweile liefen ihr die Tränen die Wangen hinunter. Toya hatte noch nie in ihrem Leben vor etwas kapituliert, nun jedoch stand sie kurz davor. Was bitte konnte jetzt noch schlimmer kommen? Erst setzte man ihr dieses strahlende Wesen in den Privatunterricht, und nun sah Frau Saubermann auch noch, dass sie flennte. Na Bravo! Toya schämte sich in Grund und Boden. Nicht nur, das ihr Kleid ein einziges Jammerspiel war, nein, sie war im Vergleich zu Lydia ein kompletter Trümmerhaufen. Von all dem schien aber Lydia nichts bemerkt zu haben.


Als wäre es nichts, gab sie Toya ein Taschentuch. Es war reinweiss, wie die Taschentücher von Mrs. Dyane. Toya hasste sie! Mit wildem Blick zog sie die Nase hoch, warf das Taschentuch zu Boden und rannte davon. Was sie dadurch nicht sah, war, dass Lydia in der Sekunde als sie davonlief sich zu verändern schien. Das Gesicht, welches vorher dem Antlitz eines Engels geglichen hatte, verzog sich nun zu einer bösen Grimasse, aus der Schadenfreude und Bosheit quollen. Als sie sich bückte, und nach dem Taschentuch griff, gab sie vor Schreck ein kurzes aber tiefes Knurren von sich. Ihre rechte Hand begann sich in den Urzustand zu wandeln. Ganz undeutlich für Lydia jedoch eindeutig, sah man, wie die Hand zu altern begann. Rasch klaubte sie das Taschentuch vom Boden auf, und stopfte es in ihre Tasche. Dabei zog sie eine kleine Ampulle heraus, in der eine gallige stinkende Flüssigkeit war. Ein paar Tropfen bereits genügten, und Lydias Hand glich wieder der, die sie noch vor einem Moment gewesen war. Die Ampulle landete wieder in der Tasche, und fand leise klirrend ihren Platz neben einem Säckchen mit Glasmurmeln....

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen