„Afrikaner haben es gut!“
Es ist ein schöner, sonniger Sommermorgen. Frau Vogelscheuche packt gerade ihre Badetasche, um an den Badesee zu gehen.
Als sie zum Fenster hinaus guckt, sieht sie ihre kleine Freundin Tina Trümmerlotte auf ihr Haus zu kommen. Tina guckt schlecht gelaunt, als sie den staubigen Weg zu Frau Vogelscheuche´s Haus entlang läuft.
Einen Moment später ist Tina im Haus.
„Na, Tina – Du siehst aber schlecht gelaunt aus. Und das, obwohl heute ein sooo schöner Tag ist? Was ist passiert?“ fragt sie.
„Ach“, mault Tina „es ist so schrecklich warm, und es ist doch sooo weit weg, bis zu unserem Badesee.“
„Ja, da hast Du recht, Tina. Da hatten wir es früher besser!“
„Früher? Besser? Wie meinst Du das?“ fragt Tina und setzt sich gespannt an den Küchentisch.
„Ja, doch. Früher, als wir noch einen See direkt hier hinter der großen Wiese hatten.“
„Du willst mich wohl veralbern? Ist das wirklich wahr?“ fragt Tina, und guckt mürrisch zu ihrer Freundin hinüber.
„Nein, nein, ich will Dich nicht veralbern.“ lacht Frau Vogelscheuche, und sagt „es gab vor langer Zeit mal einen wunderschönen, riesigen Badesee, dort, gleich hinter der Wiese“ sagt sie und zeigt mit dem Finger ihrer rechten Hand aus dem Fenster zur großen Wiese, auf der man im Winter herrlich im Schnee toben oder rodeln konnte.
„Ist das wirklich wahr?“ fragt Tina erneut, und sieht misstrauisch aber gespannt zu Frau Vogelscheuche hinüber.“Und…wo ist er dann jetzt? Einfach weg? Ist er eingetrocknet? Wurde er von großen Tieren leer getrunken? „
Bevor Tina weiter fragen kann, spricht Frau Vogelscheuche in einem Ton weiter, den Tina nur allzu gut kennt. Es ist genau der Ton, mit dem sie spricht, wenn sie ihr all die spannenden Geschichten erzählt, die Tina so sehr mag.
„Na, na, Tina – nicht so hastig! Nein, er ist nicht eingetrocknet. Und er wurde auch nicht von großen Tieren leer getrunken, auch wenn Deine Idee an sich ganz gut ist. Denn es hat etwas mit Tieren zu tun, das unser See verschwunden ist. Aber mit kleineren Tieren.“
„Welche Tiere waren es denn? Und was haben sie getan, Frau Vogelscheuche?“ fragt Tina gespannt.
„Nun“ fährt Frau Vogelscheuche fort „vor einiger Zeit, Du warst noch nicht geboren, oder noch ganz klein, da gab es wie schon gesagt diesen See hier. Er war sehr groß und wir hatten eine Menge Spaß dort, egal zu welcher Jahreszeit wir ihn besuchten. Im Frühling konnten wir Kaulquappen dort zu Fröschen heran wachsen sehen und Enten füttern. Im Winter zogen wir unsere Schlittschuhe an, und fuhren unsere Bahnen auf der vereisten, glatten Oberfläche. Es war ein Riesenspaß und es tummelten sich stets viele Kinder und auch Erwachsene dort.
Im Spätsommer haben dort viele von uns ein großes Fest gefeiert und es trafen sich alle zu einem großen, vergnügten Picknick. Und an heißen Tagen, wie diesem, packten wir unsere Badesachen ein und machten uns auf, um dort zu schwimmen.“
„Und warum ist er jetzt weg?“ fragt Tina zappelnd vor Aufregung. „Erzähl doch mal…!“
„Ja ja, ich erzähle ja weiter!“ sagt sie, und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Tina ´s schlechte Laune war wie durch ein Wunder verschwunden, und Frau Vogelscheuche erzählt heiter fort.
„Es war ein genau so schöner, sonniger Tag wie heute, nur nicht ganz so heiß“ spricht sie, und wischt sich dabei ein paar Schweißperlen von ihrer Stirn.
„Wir packten einen Korb mit Leckereien und gingen zum See hinüber. Dort angekommen schlugen wir am Ufer des Sees eine Decke aus, um es uns darauf gemütlich zu machen.
Es waren einige Kinder dort, die die Enten auf dem See mit Brot fütterten.
Es waren viele Enten dort und sie futterten emsig die Brotstücke der Kinder.
Mit einem Mal zog eine gewaltige, graue Wolke über den See und verdunkelte den Himmel.
Wir dachten schon, es würde nun bald zu regnen beginnen, doch es kam anders.“
„Anders? Also, wenn graue Wolken kommen, wird das Wetter doch immer schlechter!“ sprach Tina erstaunt.
„Ja, da hast Du sicherlich recht, doch es begann nicht zu regnen, sondern er wurde kälter und kälter um den See herum. Ganz plötzlich. Die Kälte zog auch über den See und ein leichter Nebel umgab ihn. Hastig kamen die Kinder aus dem Wasser, die vorher noch barfuss, mit hoch gekrempelten Hosenbeinen im seichten Wasser gestanden haben und zogen sich Strümpfe und Schuhe an.
Die Enten allerdings wurden noch mehr überrascht und hatten keine Zeit mehr aus dem Wasser zu kommen. Es ging ganz schnell und mit einem Mal waren die Beine der Enten im See eingefroren.
Wir standen dort am See und wussten uns keinen Rat.“
„Au weh“ sagt Tina bedauernd „die armen Entchen. Was haben sie getan? Sind sie etwa erfroren?“
„Nein, gottlob nicht! Aber sie waren erschrocken. So sehr, dass sie anfingen wie wild mit ihren Flügeln zu schlagen. Erst nur einige, doch innerhalb kurzer Zeit taten es die übrigen Enten nach. Das war vielleicht ein Wind!!“ spricht Frau Vogelscheuche und hebt zur Bekräftigung ihrer Worte die Augenbrauen.
Tina Trümmerlotte blickt gespannt, sagt aber kein Wort. Und so fährt die Vogelscheuche fort.
„Es war Jakob, glaube ich, dem zuerst aufgefallen ist, was als Nächstes passierte. Durch das Flügelschlagen der vielen, vielen Enten entstand nicht nur ein starker Wind. Man hörte auch auf einmal, erst ganz leise, dann immer lauter ein Knistern und Bersten, fast so, als ob man Wasser auf mehrere Eiswürfel gießt.“
„Ja, das Geräusch kenne ich. Es knackt leise und man kann Risse im Eiswürfel sehen.
Was hat Jakob gemacht?“ fragt Tina mit geröteten Wangen.
„Nun, gemacht hat er nichts, aber er zeigte auf den See und rief: Die Enten, sie wollen weg fliegen!!
Dann fiel auch uns auf, dass die Enten durch ihr Flügelschlagen sich langsam erhoben. Doch, da ihre Füße ja noch immer im See eingefroren waren, erhob sich der See langsam mit den Enten, wie ein großer, runder Eiswürfel. Das Knirschen wurde lauter und erstaunt traten wir einige Meter vom Ufer weg. Dann flogen die Enten immer höher und höher mit dem See an ihren Füßen und schließlich flogen sie ihn davon. Keiner von uns hat ein Wort gesprochen, denn wir konnten nicht glauben, was wir da sahen. Unser See flog mit all den Enten davon. Und schon nach kurzer Zeit sahen wir ihn nur noch als kleinen Fleck am Himmel, bis er dann ganz verschwand.
Einige Zeit später haben wir dann erfahren, dass die Enten mit ihm bis Afrika geflogen sind. Und ihn dort abgesetzt haben.
Dort liegt nun unser Badesee.“ sagt Frau Vogelscheuche, und blickt aus dem Fenster hinaus.
„Weißt Du was, Frau Vogelscheuche? Afrikaner haben es gut! Jetzt haben die auch einen schönen Badesee! Und es ist ja auch nicht soooo schlimm, denn wir haben ja auch noch einen. Zwar liegt der etwas weiter weg, aber das ist allemal besser, als gar keinen zu haben, stimmt´s?“
„Richtig „ sagt die Vogelscheuche mit einem Grinsen im Gesicht. Afrikaner haben es gut, wir aber auch!
Und nun, lass uns auf den Weg machen und an unseren See baden gehen.“
„Ja, eine glänzende Idee! Und schlecht gelaunt bin ich nun auch nicht mehr!!“ sagte Tina und greift im Hinausgehen noch rasch einen Apfel.
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