
GE H DANKEN
Müde blickte sie hinauf zum Himmel. Bis auf eine einzige kleine Wolke schien sich das Blau dort oben endlos zu erstrecken. Gleißend hell prangte sie dort oben und gab sich alle Mühe einen kleinen heiteren Trost auf die Frau unter sich zu reflektieren.
Heute blieb dieser Versuch erfolglos.
Einmal mehr.
Der Frühling kam mit all seiner Pracht und Wärme und verwandelte die Welt in ein Blütenmeer. In ihrem Herzen jedoch gab es eine Stelle, an der nichts mehr blühte.
Gabriella saß zwar rein körperlich bei schönstem Wetter auf ihrer Wiese, jedoch in ihrem Inneren ging sie wie so oft durch die Räume.
Nichts half.
Ihre Schritte waren mit den Jahren fest geworden, wenn sie durch diese Räume ging. Anfänglich war sie auf Zehenspitzen nur leise durch sie hindurch gehuscht.
Aus Angst die Atmosphäre dort zu verletzen. Der Duft hier war heil und unberührt…anfangs. Und das machte ihr, verbunden mit der Erinnerung die größten Schmerzen. Hier in ihr war alles noch beim alten, nicht beendet. Auch die Möbel waren tip top und es war richtig heimelig hier drinnen.
An sehr guten Tagen tanzte sie sogar ein kleines Stück auf ihrem Weg….manchmal. Doch sie war stets auf der Hut hier nichts umzuwerfen oder zu verstellen. Hierher zog sie sich meist zurück, wenn der Schmerz sie zu übermannen drohte, sie sich so unendlich einsam fühlte, obschon sie es eigentlich nicht musste….sagten die Freunde, sagte die Familie. Doch was wussten die schon? Loslassen sollte sie, sagten die. Wieder leben, sagten die.
„Ja wie denn?“ brüllte sie dann stets und Tränen der Wut und des Schmerzes gingen einher. Dann gab es immer Streit, hässlichen Streit.
Schließlich war man stillschweigend so verblieben, ihr ihren Weg mitsamt auch den Räumen zu lassen.
Früher, als ihr Sohn noch lebte, waren auch schon Räume da. Und nur selten ging sie dorthin, denn es war nicht oft nötig. Dann, wenn sie ihm nah sein wollte, obwohl es gerade nicht ging, ja dann betrat sie diese Räume und führte imaginäre Gespräche mit Kay. Wenn sie ihn dann im Laufe des Tages live sprach, musste sie immer schmunzeln wenn sie die Ähnlichkeit seiner tatsächlichen Reaktion mit ihrer zuvor vorgestellten bemerkte.
Doch im Laufe der letzten Jahre und seit Kays Tod waren diese Räume zunehmend leerer geworden. Kälter. Und es hallte schrecklich in ihnen. Dazu kam die gemeine Angst vor dem Vergessen. Den Geruch seiner Haare, wenn er aus der Sonne kam, seine Gesten, wenn er andere schwindelig diskutierte, diese Grübchen, wenn er wieder den Schalk im Nacken hatte, seine Stimme...oh bitte nein…nur nicht seine Stimme vergessen, bitte!
Jedoch waren einzelne Details mit den Jahren verblasst und die kahl werdenden Zimmer machten ihr Angst…sehr sogar! Sie konnte schier nicht noch mehr Schmerz ertragen. Und somit auch die Trauer um den Verlust des geliebten Kindes nicht leben. Deshalb waren neue Räume gekommen. Räume der Erinnerung, des Festhaltens.
Nein, nichts half.
Die tägliche Flucht vor der Trauer und dem Schmerz ließ sie keinen Frieden finden. Erneut blickte sie hinauf zur Wolke und verließ somit ihr Inneres. Ihre Beine mussten eingeschlafen sein, sie kribbelten.
Auf ihrer Hand krabbelte vergnügt ein kleiner Käfer hinauf zu ihr. Ganz emsig erklomm er ihren Arm und tastete mit seinen winzigen Fühlern ihre Haut ab…und kitzelte sie. Sie musste lächeln. Nein…sie konnte!
Sie sah ihren Sohn im Alter von drei Jahren, wie er ebenfalls einen Käfer auf seiner Haut hatte und ihn misstrauisch beäugte… Dann die Schultüte später, mit Marienkäfer drauf… Sie sah Kay als jungen herangewachsenen Mann und Strubbelmähne, wie er stolz mit den Führerschein vor ihrer Nase wedelte…. Und mit einem Mal und vollem Anlauf jagten Millionen unterschiedlich großer Erinnerungsfetzen durch sie hindurch und peinigten ihre gequälte Seele. Tränen rannen ihr über das Gesicht.
Es tat so weh…sie wollte ihn doch nur noch ein einziges Mal fühlen, berühren….küssen.
Nur einen Kuss noch.....flehte sie.
Stille folgte.
Dann war er da….so völlig unkontrolliert und ohne jedwede Vorwarnung war durch diese verspielte kleine Geste der Moment gekommen, in dem sie die Kontrolle über sich verlor und der Schmerz kam….der echte, tiefe Schmerz…ganz ohne zu stocken.
Ohnmächtig und schutzlos folgte sie ihm in die Tiefe und mit der Wucht einer Explosion, so als ob es gar nicht anders möglich wäre, stand sie in einem neuen Raum.....dem Raum der Hoffnung.
Und ja, das half!
Sie blickte sehnsüchtig hinein, noch völlig benommen vom gerade Gefühlten und mit Angst vor dem Moment, der Schmerz käme wieder, neu und ausgeruht. Sicher würde er wieder kommen…aber nun da sie ihm in aller Gänze erlaubt hatte von ihr Besitz zu ergreifen, war er ihr bekannt.
Nun war sie gewappnet… Sie sah zum Käfer, wie er wacker seine Flügel aufschlug und sich zum Start bereit machte.
Dann flog er….in den Frühling. Sie stand auf, schüttelte ihre Beine aus und ging…..die Heilung hatte begonnen.
Ich hab das Ganze natürlich von hier oben beobachtet. Als der Käfer in meine Richtung flog, hab ich ihm gewunken und musste grinsen.
Er hat gute Dienste geleistet!
Dann habe ich meiner Mutter den Kuss gegeben, den sie so ersehnte…in Gedanken…und mich bedankt, dass sie mich gehen ließ…denn ich weiß, dass ich trotz allem da sein werde…
...und zwar in keinem anderen Raum als dem, welcher Herz heißt……
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Wunderschön geschrieben, Dearest.
AntwortenLöschenMeine Hochachtung dafür.
Viel Gefühl, viele Bilder, Bewegung, Farben.
Alle Sinne werden angesprochen, und zum arbeiten animiert. Und ja, in keinem anderen Raum als dem...welcher *Herz* genannt wird.
Fein
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